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Kolumbien
San Agustín

Statuen auf Drogen

Lesedauer: ca. 8 Minuten

Zweitausend Jahre alte Statuen, und niemand weiß genau, wer sie hergestellt hat, warum genau und welche Rolle dabei der halluzinogene Pilz San Isidro gespielt hat. Das wollen wir uns ansehen, und deshalb sind wir in San Agustín.

Leider geschlossenen

Der archäologische Park ist jeden Tag geöffnet, erfahren wir, außer dienstags. Heute ist Dienstag.

Wir machen einen Gegencheck, ob die Information bezüglich der Öffnungszeiten wirklich stimmt. In Kolumbien ist es grundsätzlich ratsam, sich mehrere Auskünfte einzuholen, um dann mit Hilfe statistischer Methoden und Bauchgefühl die Antwort zu ermitteln, die wahrscheinlich am nächsten an den tatsächlichen Gegebenheiten sein wird. Man kann dabei natürlich auch Reiseführer und Informationen im Internet einbeziehen, sofern man überhaupt fündig wird, aber die erweisen sich oftmals als die unzuverlässigsten.

Jedenfalls scheint das mit dem Dienstag tatsächlich zu stimmen, auch wenn eine unserer Informationsquellen, eine Kolumbianerin mit dem passenden Namen Colombia, sichtlich überrascht ist, dass heute Dienstag ist.

Also ändern wir unseren Plan und lassen uns zusammen mit vier anderen Touristen in einem Jeep zu weiter entfernt liegenden Ausgrabungsstätten chauffieren.

Wasserfall

Diese Tour lohnt sich alleine schon wegen der nicht-archäologischen Highlights, beispielsweise dem Estrecho del Río Magdalena, wo sich der längste Fluss Kolumbiens, eben dieser Río Magdalena, durch eine schmale Engstelle windet. Oder dem Salto de Bordones, dem höchsten Wasserfall Kolumbiens.

Eine der Herausforderungen beim Erlernen einer fremden Sprache ist, wenn es für ein deutsches Wort mehrere Entsprechungen in der zu erlernenden Sprache gibt, die aber alle eine irgendwie andere Bedeutung haben. So fällt mir für einen Wasserfall nur ein deutsches Wort ein, nämlich Wasserfall, aber gleich drei spanische, nämlich Cascada, Catarata und Salto. Und nach geheimnisvollen Regeln ist immer nur eines davon richtig, zumindest schaut man mich verwundert an, wenn ich mich an einem Ort beispielsweise nach der Catarata erkundige, und erst nach einigem Nachdenken kommt mein Gesprächspartner dann darauf, dass ich wohl den Salto suche. Oder umgekehrt. Dieses Rätsel will ich nun lösen und frage bei unseren kolumbianischen Mitreisenden nach. Erstaunlicherweise kann mir das niemand so richtig erklären. Erst nach mehreren Anläufen kommt ein Erklärungsversuch zustande, und darin geht es um das Verhältnis zwischen Höhe und Breite des Wasserfalls und die Anzahl der Ebenen, über die das Wasser hinunterfließt. Ich beschließe, weiterhin nach dem Zufallsprinzip das spanische Wort auszuwählen, und beschränke mich lieber auf das Betrachten der faszinierenden Landschaft und des Wasserfalls darin. Der ja hier ein Salto ist.

Unser Jeep-Fahrer entpuppt sich als Kenner der unerschöpflichen Welt kolumbianischer Früchte, und so bekommen wir unter anderem eine lecker nach Kohlrabi schmeckende Frucht vom Baum gepflückt, deren Namen ich leider schon wieder vergessen habe. Es ist wirklich unglaublich, was hier in Kolumbien alles wächst.

Statuen

Und dann kommen wir zu den Statuen. Die Theorie, dass bei deren Herstellung Drogen im Spiel waren, würde ich definitiv unterstützen. Die Figuren haben mitunter derart schräge Gesichtsausdrücke, dazu sind sie vermischt mit Schlangen, Affen und was weiß ich noch alles, dass deren Erschaffer schon eine ziemlich ausgeweitete Vorstellung von der Realität haben mussten.

Es gibt Statuen in der Form von Krokodilen, obwohl es in dieser Gegend weit und breit keine Krokodile gibt und wohl auch niemals gab. Rätsel über Rätsel also. Manche Figuren stehen wie Wachleute vor Grabkammern, andere sind so etwas wie ein Sarkophag, dann wiederum gibt es Figuren in den seltsamsten Stellungen, teils ineinander verschlungen, und Nadines Lieblingsstatue trinkt gerade Kaffee - man kann wirklich Stunden damit verbringen, die Statuen zu interpretieren und dabei laufend neue Details entdecken. Ich hatte mir das alles deutlich uninteressanter vorgestellt.

Bis vor kurzem standen die Statuen einfach frei in der Gegend herum, nun wurden sie eingezäunt und überdacht. Das hätte man vielleicht schon früher machen sollen, zu manchen Statuen gibt es ein Foto von der Ausgrabung, und wenn man den damaligen Zustand der Statue mit dem heutigen vergleicht, dann ist das schon etwas erschreckend. Andererseits hätte man mit dem Einzäunen auch noch warten können, bis wir hier waren, denn schöner und beeindruckender war es bestimmt vorher.

Tee

Etwas später, wieder zurück in San Agustín, stellen wir fest, dass wir noch die Tee-Notfallpackung in unserer Tasche haben, die uns eine der beiden Kolumbianerinnen, die mit uns bei der Jeep-Tour dabei waren, ausgeliehen hat, zur Bekämpfung akuter Bauchschmerzen. Wir finden in dem Dorf unseren Jeep-Fahrer, und der wiederum weiß, in welchem Hostal die beiden Kolumbianerinnen untergekommen sind, und ein paar Einwohner von San Agustín helfen uns dabei, dieses Hostal zu finden. Mittlerweile sind wir schon richtig gut darin, irgendwelche Leute in diversen kolumbianischen Dörfern aufzustöbern.

Jedenfalls können wir den Tee zurückgeben - und erfahren dabei, dass die beiden morgen früh wie wir den heute geschlossenen archäologischen Park besuchen wollen, was insofern sehr praktisch ist, weil die beiden nämlich mit einem Auto hier sind und uns somit morgen mitnehmen können. Perfekt.

Pinkfarbene Bananen

Am nächsten Morgen starten wir also die nächste Runde Statuen-Gucken. In dem riesigen archäologischen Park führt uns unser Rundgang zunächst in einen Wald, in dem unzählige Statuen aufgestellt sind, die aus anderen Ecken der Gegend zusammengetragen wurden. Der Spaziergang durch diesen wunderschönen tropischen Wald würde sich auch schon ohne Statuen lohnen, aber es hat natürlich einen besonderen Reiz, wenn man alle paar Meter über eine dieser seltsamen Kreationen staunen und schmunzeln kann, oder wenn man darüber diskutieren kann, ob bei dieser Figur das Ding unter dem Bauch nun ein Gürtel oder ein Affe oder was auch immer ist und ob jene Figur tatsächlich gerade in eine Schlange beißt.

Der Rundgang führt über zahlreiche Hügel, auf denen Statuen und Gräber an ihrer ursprünglichen Stelle zu sehen sind, an einer Art Quelle vorbei, wo Gesichter und Schlangen in das steinige Flussbett eingearbeitet wurden, bis zu einem hoch gelegenen Hügel, von dem man einen fantastischen Ausblick über die Gegend hat. Dazu bekommen wir noch einmal ein paar interessante Früchte zu sehen, für mich immer wieder ein Highlight Kolumbiens, beispielsweise pinkfarbene Bananen.

Parallel dazu tauschen wir uns mit den beiden Kolumbianerinnen über diverse Aspekte von Kolumbien und Deutschland aus, über die Politik, die Korruption, das Gesundheitswesen, Bildung, die soziale und wirtschaftliche Situation, undundund - und ich denke dabei, dass so ein Gespräch dem ein oder anderen bei uns in Deutschland richtig gut tun würde. Zur Erdung.

Backofen

Wir kommen rechtzeitig nach San Agustín zurück, um noch einen Bus zu erwischen, der uns fünf Stunden später am Busterminal in Neiva ausspuckt. Dort warten wir etwa eine Stunde, bis der Kleinbus nach Villavieja mit ausreichend Fahrgästen und Matratzen beladen wurde. Unterwegs gibt es dann einige Stopps für diverse Erledigungen, beispielsweise hat ein Fahrgast Hunger, und daher bestellt der Fahrer kurzerhand bei einem Imbiss etwas zu essen. Da ich ziemlich in der Mitte des Kleinbusses sitze, ist es nun meine Aufgabe, Essen, Bezahlgeld und Wechselgeld von vorne nach hinten im Bus durchzureichen beziehungsweise umgekehrt.

Eigentlich wollten wir von Villavieja gleich weiter, aber irgendwie hat alles bis hierher so lange gedauert, dass wir jetzt erstmal da bleiben. Wir suchen eine einigermaßen akzeptable Unterkunft, was sich als schwieriger als erwartet herausstellt.

Aber der Zwischenstopp hat sich gelohnt, Villavieja ist ein erstaunlich schönes Dorf, extrem grün, mit vielen hübschen Kolonialbauten. Vor allem aber ist Villavieja heiß. Sehr heiß. Es ist schon spät am Abend - und es ist immer noch heiß, nicht warm, wohlgemerkt, sondern heiß. Zum Glück haben wir ein Zimmer mit Klimaanlage, die werden wir vermutlich heute Nacht brauchen.

Wir sitzen an einer der in Kolumbien üblichen Kiosk-Bar-Zwitter, ich habe dort die letzte Flasche Rum ergattert, tiefgekühlt, und diesen Rum werde ich nun genießen. Das Dorf ist ziemlich ausgestorben, nur in einer Bar schräg gegenüber sitzen noch ein paar Leute beim Fußballgucken.

Land:Kolumbien
Ort:San Agustín
Reisedatum:19.03.2018 - 21.03.2018
Autor:Manuel Sterk
Veröffentlicht:01.07.2018
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