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Kolumbien
Pianguita

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Nach den schönen Tagen in Ladrilleros und La Barra wollen wir nun weiter, unser nächstes Ziel: Nördlich die Pazifikküste entlang, in den Bezirk Chocó.
Viel zu gefährlich wäre der Chocó, die Guerillas sind dort aktiv, sagt man uns. Als ich die Orte nenne, die wir besuchen wollen, ist man beruhigt, diese Region wäre relativ sicher. Also sind auch wir beruhigt.

Das einzige Problem ist nun: wie kommen wir dorthin? Laut Reiseführer fährt regelmäßig ein Frachtschiff, das auch Passagiere mitnimmt und etwa vierundzwanzig Stunden für die Fahrt benötigt. Meine weiteren Recherchen ergeben dann allerdings, dass dieses Boot vor ein paar Jahren gesunken ist (im Hafen, nicht auf offener See, immerhin). Diese Option fällt also weg.

Als erstes müssen wir aber in jeden Fall nach Buenaventura zurück. Auf dem Fußweg nach Juanchaco, wo die Boote nach Buenaventura ablegen, verpassen wir irgendwie eine Abzweigung und stehen nun mitten am Strand, vor einem Bach. Gut, dass hier genug Treibholz herumliegt, um eine kleine Brücke zu bauen, so kommen wir trockenen Fußes hinüber.

An der Bootsanlegestelle in Buenaventura erfahren wir, dass einmal pro Woche ein Schnellboot ins Chocó fährt, und zwar jeden Dienstagmorgen. Es ist Dienstagnachmittag. Mist.

Wir benötigen nun eine halbe Ewigkeit, bis wir endlich jemanden finden, der von den Bootsverbindungen ins Chocó eine Ahnung hat. Heute Nachmittag würde noch ein Frachtschiff dorthin gehen. Er telefoniert für uns, um nachzufragen, wann genau. Das Ergebnis: vor einer halben Stunde.
Das darf doch wohl nicht wahr sein.

Er führt noch ein paar Telefonate, dann: Eventuell könnten wir übermorgen, am Donnerstag, mit einem anderen Frachtschiff mitfahren. Wir sollten uns morgen nochmal bei ihm melden, er schreibt mir seine Telefonnummer auf.

Pianguita

Wir wollen keine zwei Tage in Buenaventura verbringen, also buchen wir das nächstbeste Boot zu einem nahegelegenen Stranddorf, Pianguita. Es dauert dann zwar noch einige Zeit, bis das Boot endlich ablegt, aber irgendwann kommen wir letztendlich dort an.

Ob das mit Pianguita eine gute Idee war, bezweifeln wir allerdings: Hinter einem nicht wirklich sauberen Strand befinden sich unzählige Bars und Restaurants mit einer gigantischen Menge an Tischen und Stühlen. Nur: Kein Mensch weit und breit. Eine im Boot mitgefahrene Kolumbianerin wundert sich, niemand ist hier, um sie als Touristin zu empfangen. Das stimmt, normalerweise wird man gleich von einer Horde Menschen empfangen, die einen zu Hotels oder Restaurants oder was auch immer schleppen wollen. Hier ist niemand.

Wir gehen eine Weile durch den ausgestorbenen Ort, um eine Unterkunft zu finden. In einem der wenigen Hotels, die geöffnet sind und an denen gerade nicht gebaut wird, nehmen wir ein Zimmer, direkt an einem Pool. Der Pool hat zwar kein Wasser, aber egal. Später stellen wir fest: im Badezimmer gibt es auch kein Wasser. Genau genommen gibt es im ganzen Haus kein Wasser.
Kein Problem, teilt man uns mit - und öffnet für uns zwei Häuser weiter ein Zimmer, dort gibt es eine Toilette und eine Dusche, die können wir benutzen. Also gut.

Später suchen wir ein Restaurant zum Abendessen. Wir finden eines, das geöffnet ist. Zwar gibt es keine anderen Gäste dort und alle Tische und Stühle sind weggeräumt, aber es gibt eine Köchin, und das ist schließlich das Wichtigste. Zu Essen gibt es Fisch, wie überall hier in der Region, also alles bestens, aber Nadine hat ein Problem: Es gibt ausschließlich Fisch. Und das ist nicht wirklich gut, wenn man keinen Fisch mag.

Mit dem Boot zum Schiff

Als wir am nächsten Tag nach Buenaventura zurück wollen, kann uns in Pianguita niemand sagen, ob und wann Boote fahren, aber wir sollten ins Nachbardorf gehen, nach Bocana, von dort würden häufiger Boote fahren. Also marschieren wir eine gute halbe Stunde vom ausgestorbenen Pianguita ins ausgestorbene Bocana. Dort sagt man uns, jetzt gleich würde ein Boot nach Buenaventura vorbeikommen. Es dauert dann noch gut zwei Stunden, bis es wirklich kommt. Das Zeitverständnis ist hier ganz offensichtlich ein etwas anderes.

Dafür scheint mit unserem Boot ins Chocó alles zu klappen. Wir verabreden uns für morgen und verbringen dann den Rest des Tages in Buenaventura. Die Stadt erscheint uns sehr sympathisch, ganz entgegen allem, was wir darüber gelesen haben.

Unser erstes Ziel im Chocó ist Nuquí, dieser Ort hat sogar einen kleinen Flughafen, von dem angeblich an manchen Tagen Propellermaschinen nach Medellin fliegen. Wir kämen von dort also notfalls auch wieder weg.

Aber erstmal müssen wir dort hin kommen: Fünfzehn Stunden Fahrt auf einem Frachtschiff stehen uns bevor. Oder zwanzig. Oder fünfundzwanzig. Oder mehr.

Land:Kolumbien
Ort:Pianguita
Reisedatum:27.02.2018 - 28.02.2018
Autor:Manuel Sterk
Veröffentlicht:01.07.2018
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Unterwegs auf dem zugemauerten Frachtschiff

Um zwei Uhr soll unser Boot ablegen, wir haben also noch gut zwei Stunden Zeit, um das Spektakel hier in aller Ruhe zu betrachten. Und letztendlich werden erst weit nach vier Uhr die letzten Waschmaschinen, Ziegelsteine, Eier und Bierkisten aufgeladen, bevor als letzter Passagier ein Hund zusteigt und das Boot startklar gemacht wird.
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