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30 Fotos
Peru
Arequipa und Cabanaconde

Die Mumie und die Schlucht

Lesedauer: ca. 10 Minuten

Juanita

Der Leser dieser Reiseerzählung wird froh sein, dass in diesem Museum in Arequipa das Fotografieren verboten ist. Denn somit kann ich kein Foto von Juanita präsentieren.

Juanita, das ist ein vierzehnjähriges Mädchen, das vor gut fünfhundert Jahren gelebt hat, aber eben nur für vierzehn Jahre, denn dann wurde es einem Inka-Gott geopfert.

Juanita wurde während einer Expedition inmitten eines Kraters in einer Höhe von über fünftausend Metern entdeckt, und zwar deshalb, weil ein benachbarter Vulkan das Eis zum Schmelzen gebracht hat, in dem sich bis dahin Juanita gut konserviert aufgehalten hatte.

Und nun befindet sich Juanita in einem gläsernen Tiefkühlschrank in diesem Museum. Der Anblick ist, nun ja, etwas verstörend, finde ich. Zusammengekauert sitzt sie in ihrem kalten Gefängnis und starrt in die Gegend. Ihre Haut hat eine eigenartige Farbe. Gruselig.

Der Rest der Ausstellung zeigt Gegenstände, die zusammen mit Juanita und weiteren Mumien gefunden wurden. Dazu vergrößerte Fotos ihrer Hände, Computertomographie-Bilder ihres Schädels und vieles mehr. Juanita gehört zu den wichtigsten archäologischen Funden der letzten Jahrzehnte. Durch die Studie ihrer DNA konnte gezeigt werden, dass die Menschen, die damals Amerika über die Beringstraße erreichten, aus Taiwan und Korea kamen.
Alles ziemlich interessant, aber ich hoffe nur, dass ich heute Nacht keine Alpträume von Mumien bekomme, die zusammengekauert vor mir sitzen und mich anstarren.

Arequipa

Arequipa besteht nicht nur aus einem Mumien-Museum, sondern zudem aus zahlreichen wirklich beeindruckenden Gebäuden. Zumindest die Innenstadt ist wirklich schön anzusehen.

Aber besonders spannend scheint uns Arequipa nicht zu sein, trotz Mumien, also verlassen wir diese Stadt am nächsten Morgen wieder.

Die Busfahrt

Unser Ziel ist Cabanaconde, der Ort, in dessen Nähe Juanita gefunden wurde.

Für die Busfahrt sind etwa sieben Stunden angesetzt. Allerdings ist die Fahrt schon nach einer Stunde zu Ende: Der Bus ist kaputt.

Alle Passagiere steigen in einen anderen Bus um. Das Problem ist nur, dass dieser deutlich kleiner als der ursprüngliche ist und somit auch weniger Sitzplätze zur Verfügung stehen.

Immerhin, der neue Bus fährt besser als der vorhergehende, aber dafür quietscht er. Wir rechnen damit, dass auch dieser Bus demnächst liegenbleibt, aber wie durch ein Wunder kommt er in Cabanaconde an.

Wir steigen noch vor der Endhaltestelle aus und ergattern durch diesen Zeitvorsprung das letzte freie Zimmer in der einzigen Unterkunft des Orts, die damit wirbt, dass es dort warm sei. Ein wirklich wichtiger Aspekt auf weit über dreitausend Höhenmeter in einem Land, in dem es üblicherweise keine Heizungen, dafür aber zugige Fenster und Türen gibt.

Cabanaconde

Cabanaconde ist ein, nun ja, sagen wir einmal: ein sehr authentisches Dorf.

Am Hauptplatz befindet sich eine Kirche, erwartungsgemäß, und diese hier sieht aus wie ein in Form gepresster Betonblock. Um den Platz herum stehen ein paar Autos, Busse und Bagger, und in der Mitte des Platzes befindet sich das einzige Grün des Dorfs.

Der Bürgermeister von Cabanaconde fordert, dass Juanita hier und nicht in Arequipa untergebracht wird.
Also, wenn ich Juanita wäre, ich würde lieber in Arequipa bleiben wollen.

Die Schlucht

Cabanaconde liegt am Rande einer gewaltigen Schlucht, dem Cañón del Colca. Über tausend Höhenmeter geht es hier steil hinunter.

Und eigentlich wollten wir am nächsten Morgen in diese Schlucht hinein wandern. Was bedeuten würde, dass wir, nachdem wir unten angekommen sind, diese tausend Höhenmeter anschließend auch wieder hinauf müssten. Nun ist es aber so, dass Nadine immer noch Luftprobleme in dieser Höhe hat, obwohl wir uns bereits seit knapp zwei Wochen in den Anden befinden. Irgendwie hat ihr Körper noch nicht ganz begriffen, dass er sich langsam mal an die Höhe anpassen sollte.

Und da wir nicht mitten in der Schlucht stecken bleiben wollen, machen wir zunächst einen Test: Wir gehen einen Berg hinauf, etwa dreihundert Höhenmeter. Dort oben soll es Ruinen aus der Prä-Inka-Zeit geben, und die werden unser Ziel.

Der Weg dorthin lohnt sich jedenfalls schon mal. Aber dann, etwa zwei Drittel des Wegs haben wir geschafft, muss Nadine aufgeben. Sie bekommt keine Luft mehr.
Also besser keine Schlucht hinunter. Gut, dass wir diesen Test im Vorfeld gemacht haben.

Wir klappern ein paar Aussichtspunkte ab, von denen aus man von oben in die Schlucht hinunter schauen kann. Wirklich sehr beeindruckend.

Und dann fängt es plötzlich an zu regnen. Wir beeilen uns, ins Dorf zurückzukommen, aber es hilft nichts, wir werden komplett durchnässt. Mal wieder. Irgendwie sind wir auf dieser Reise häufiger nass als trocken, so kommt es mir vor.

Die Bar

Dank Cañón del Colca gibt es in Cabanaconde ein paar Touristen, und das bewirkt, dass es hier zumindest so etwas ähnliches wie eine Bar gibt. Dahin flüchten wir.
Wir bekommen dort ein Handtuch, damit wir zumindest die erste Wasserschicht ein wenig abtrocknen können. Vielen Dank.

Wir essen und trinken eine Kleinigkeit, während wir versuchen, wieder trocken zu werden. Und hier gibt es WLAN, das nutze ich, um mir die Kartendaten von Peru herunterzuladen, denn irgendwie scheint die Speicherkarte meines Handys defekt zu sein, zumindest sind die bisherigen Kartendaten zerstört. Etwa 150 Megabyte sind es, das müsste auch bei einem langsamen Internet-Zugang zu schaffen sein, denke ich.
Als wir ein paar Stunden später erfroren die Bar verlassen, hat der Download bereits ein Prozent geschafft.

Die Reinigung

Wir haben in unserer Unterkunft unsere Klamotten in die Reinigung gegeben. Man hat uns zugesagt, dass alles bis um sieben Uhr am Abend fertig wäre.
Also fragen wir irgendwann mal nach. „Ahorita“ wäre unser Wäsche fertig, sagt man uns, was nicht so einfach zu übersetzen ist, denn das Deutsche kennt meines Wissens keine Verkleinerungsform von „gleich, sofort“.

Einige Zeit später bringt uns die zuständige Señora eines meiner T-Shirts, und zwar um uns zu zeigen, dass es noch nass ist. Auf unseren Hinweis, dass sie uns explizit versprochen hat, dass die Wäsche heute Abend fertig wird, reagiert sie zickig, schließlich könne sie nichts dafür, dass so schlechtes Wetter ist und nichts trocknet. Das ist natürlich ein Argument. Trotzdem müsse sie deswegen nicht laut werden, versucht Nadine etwas Ruhe in die Angelegenheit zu bringen.

Es entwickelt sich eine ziemlich eigenartige Diskussion mit dem Ziel, eine Lösung zu finden, schließlich wollen wir morgen mit dem frühesten Bus weiter, wir brauchen also unsere Wäsche heute Abend wieder. Das Ergebnis ist: Man könne unsere Wäsche in den Trockner werfen, dann wäre sie in einer halben Stunde trocken. Perfekt. Die naheliegende Frage, warum man das nicht gleich gemacht hat, verkneifen wir uns.

Eine Stunde später, wir sind gerade beim Abendessen, bringt man uns unsere vermeintlich getrocknete Wäsche in einer Plastiktüte. Als wir sie später aus dieser Tüte auspacken, stellen wir fest: sie ist genauso nass wie vorher.

Also suchen wir nochmal die Señora auf. Es gäbe gar keinen Wäschetrockner, teilt sie uns mit.

Wir geben auf.

Trotzdem muss ich später nochmal zur Señora, denn es fehlt eine meiner Socken. Sie antwortet mir, ich hätte ja auch eine ungerade Anzahl an Socken in die Reinigung gegeben. Da es ein wenig unwahrscheinlich ist, dass ich irgendwann die letzten Tage nur eine Socke ausgezogen und in meinen Schmutzwäschebeutel getan habe, zweifle ich ihre Aussage an. Jetzt wird die Situation völlig abstrus. Die gesamte Belegschaft der Unterkunft mischt sich ein, inklusive Besitzer.

Am nächsten Morgen bekomme ich während des Frühstücks meine fehlende Socke überreicht. Danke.

Die Rückfahrt

Wir haben langsam genug von Kälte und Regen. Und Nadine zudem vom Keineluftbekommen.
Also wollen wir die Anden nun so schnell wie möglich verlassen und an die Pazifikküste fahren. Dort ist es heiß und trocken, wird uns versichert. Und außerdem ist die Küste naheliegenderweise auf Meereshöhe, mehr oder weniger jedenfalls, Nadine sollte dort also wieder problemlos Luft bekommen.

Der nächste von hier erreichbare Ort an der Küste ist Mollendo, finden wir heraus. Also wird das unser Ziel. Dass das nicht die beste Idee ist, können wir noch nicht wissen.

Der Bus ist gerammelt voll. Gut, dass wir rechtzeitig Sitzplätze ergattern konnten. Trotzdem, so richtig angenehm ist die Fahrt nicht, denn offensichtlich verfügen viele Menschen hier nicht über eine Dusche oder andere Waschmöglichkeiten. Oder zumindest nutzen sie diese nicht allzu häufig. Andere wiederum scheinen direkt aus dem Stall in den Bus gestiegen zu sein. Die Gerüche im Bus sind, nun ja, atemberaubend.

Immerhin schafft unser Bus diesmal die komplette Strecke zurück nach Arequipa. Lediglich ein Reifenwechsel ist unterwegs nötig.

Land:Peru
Ort:Arequipa und Cabanaconde
Reisedatum:11.01.2019 - 14.01.2019
Autor:Manuel Sterk
Veröffentlicht:16.01.2019
Leser bisher:66

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Ingrid Bettels
Oh, je! Ihr Armen 😉Ein Dilemma nach dem Anderen 😉Doch es kann nur besser werden. Gut beschrieben und interessant ☺Irgendjemand, hat mal gesagt, "Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erleben "☺Liebe Grüße und nur noch Schönes und Gutes.
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