REISE
VERSUCH
19 Fotos
Honduras
Tornabé - Triunfo de la Cruz

Alleine an der Karibikküste

Lesedauer: ca. 12 Minuten

Nach zwei Tagen im Nationalpark Cerro Azul Meámbar und schweißtreibenden Spaziergängen durch tropische Regen- und Nebelwälder machen wir uns auf den Weg Richtung Karibikküste. Bevor wir dort wieder in den nächsten Nationalpark verschwinden, wollen wir ein paar Tage an der Küste verbringen.

Unser Bus bewegt sich im Schneckentempo nach San Pedro Sula, wo wir in einen Bus zur Küstenstadt Tela umsteigen.

Über Tela habe ich nichts Gutes gelesen. Nach Einbruch der Dunkelheit soll man sich auf keinen Fall auf den Straßen aufhalten und auch tagsüber sind große Teile der Stadt aus Sicherheitsgründen zu meiden. Unser Auswärtiges Amt erwähnt Tela explizit in der Liste der „besonders gefährlichen“ Gebiete.
Die Stadt wird als heruntergekommen beschrieben, ohne nennenswerte Sehenswürdigkeiten - also vielleicht doch nicht das optimale Reiseziel?

Die Straßenkreuzung

Wir entscheiden uns, anstatt nach Tela in eines der nahegelegenen Dörfer der afro-indigenen Garifuna-Bevölkerung zu fahren.
Mehr oder weniger nach dem Zufallsprinzip wählen wir den Ort Tornabé aus und ich frage nach, wo wir hierzu aus dem Bus aussteigen müssen. Die einheitliche Antwort lautet: Bei der Polizei.

Aha.

„Die Polizei“ entpuppt sich als Straßenkreuzung, an der sich eine kleine Hütte befindet, die vermutlich bei Bedarf als Kontrollposten der Polizei genutzt wird.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals so häufig an irgendwelchen Straßenkreuzungen herumgestanden zu sein wie während dieser Reise. Denn um von einem Bus in einen anderen Bus oder in ein lokales Taxi bzw. in ein Tuk-Tuk umzusteigen, muss man nur wissen, welche Straßenkreuzung als Umstiegspunkt dient, und bekommt dort eigentlich immer problemlos einen Anschluss.

Häufig haben sich an diesen Kreuzungen Verkaufsbuden angesiedelt, so dass eine mitunter beeindruckende Infrastruktur vorhanden ist.

Alternativ zu Kreuzungen können auch Tankstellen als Umstiegspunkte dienen, aber das Prinzip ist dasselbe.

Und woher weiß man nun, wann und wo und wohin man umsteigen muss? Irgendwelche Schilder oder gar Fahrpläne gibt es nicht. Auch im Internet sind meist keine Informationen zu finden. Wer sich verwirren lassen möchte, kann bei der ansonsten mitunter recht hilfreichen Seite rome2rio.com nachsehen oder ChatGPT fragen, und bekommt entweder keine oder völlig falsche oder unzureichende Auskünfte.

Also: Einfach vor Ort fragen.

Zum Glück trifft man in Honduras eigentlich immer auf unglaublich hilfsbereite Menschen. Nicht selten werden wir direkt zu unserem Bus begleitet oder bekommen ausführliche Informationen, wann und von wo genau der Bus fährt und auf was wir achten müssen.
In dem konkreten Fall erfahren wir, dass wir nicht auf einen Bus warten sollen, sondern ein Taxi nehmen. Dieses darf nicht mehr als 150 Lempiras kosten, umgerechnet knapp fünf Euro, bekommen wir noch als wichtigen Hinweis mitgegeben.

Tornabé

Tornabé präsentiert sich uns als ziemlich heruntergefahrenes Dorf.

Wir bezweifeln, dass wir hier eine Unterkunft finden werden, machen uns aber dennoch auf die Suche.

Direkt am Strand gibt es zwar ein paar Hotels, aber keines erweckt den Eindruck, dass es noch in Betrieb ist.

Wir finden das offensichtlich einzige geöffnete Hotel im Ort und bekommen dort ein einfaches Zimmer, das durch besonders gewagte Farbkombinationen beeindrucken kann.

Da wir, wie so häufig auf dieser Reise, die einzigen Gäste sind, haben wir freie Zimmerwahl. Das nutzen wir etwas später, um unser Zimmer gegen ein anderes, beinahe identisches Zimmer umzutauschen, das jedoch als einziges Zimmer im Hotel über den Luxus verfügt, dass sich das Fenster öffnen lässt.

Und auch wenn das Zimmer selbst vielleicht nicht ganz das ist, was man sich für einen Traumurlaub am Meer vorstellen mag, die Lage ist es hingegen definitiv.

Direkt vor dem Zimmer befindet sich kilometerlanger Strand.

Theoretisch gibt es hier sogar mehrere Strandbars und Restaurants. Aber eben leider nur theoretisch, denn auch die wenigen hiervon, die noch nicht völlig in sich zusammengefallen sind, sind geschlossen.

Was eigentlich kein Wunder ist, schließlich sind wir die einzigen Touristen im ganzen Ort. Und zwar nicht nur die einzigen ausländischen Touristen, sondern die einzigen Touristen überhaupt.

Das Taxi

Am dritten Tag haben wir den Eindruck, nun genug Ruhe gehabt zu haben, vielleicht sogar etwas zuviel Ruhe, und daher wollen wir weiter.
Unser nächstes Ziel: Triunfo de la Cruz, das größte der Garifuna-Dörfer rund um Tela, vielleicht ist hier etwas mehr los.

Das Problem: Wie kommen wir von Tornabé wieder weg?

Wir fragen bei der Besitzerin der Imbissbude nach, bei der wir frühstücken. Sie ruft daraufhin einen befreundeten Taxifahrer an, der aber leider nicht ans Telefon geht. An der Straße würde aber ab und zu ein Taxi vorbeifahren, sagt sie uns, und wenn nicht, sollen wir nochmal zurückkommen, irgendeine Lösung findet sich bestimmt.

Und tatsächlich dauert es nicht allzu lange, bis wir ein Taxi ergattern können.

In Honduras ist es so, dass in ein Taxi während der Fahrt noch weitere Fahrgäste zusteigen, sofern die Richtung grob passt.
Wenn man die Geschichten von Überfällen und Entführungen im Kopf hat, steigt das Sicherheitsgefühl natürlich nicht unbedingt an, wenn plötzlich weitere fremde Menschen mit im Taxi sitzen.
In der Praxis ist es durch dieses Prinzip aber schlichtweg so, dass hierdurch einerseits niemand allzu lange auf ein Taxi warten muss und andererseits der Taxifahrer mehr pro Fahrt verdient. Win-Win also, sozusagen.

Jedenfalls fahren wir wegen eines anderen Fahrgasts einen kleinen Umweg durch die Innenstadt Telas. Am zentralen Platz der Stadt erwähnt der Taxifahrer, wie schön es hier nachts ist, wenn alles weihnachtlich beleuchtet ist.

Ich erwidere, gelesen zu haben, dass man sich in dieser Stadt doch aus Sicherheitsgründen nachts gar nicht auf den Straßen aufhalten sollte.
Und daraus entwickelt sich ein Gespräch über die Sicherheitslage in Honduras, das ich so oder so ähnlich schon mehrfach auf dieser Reise geführt habe und auch noch weitere Male führen werde:

Der Taxifahrer kennt natürlich den schlechten Ruf seines Landes, ist aber überzeugt, dass dieser völlig ungerechtfertigt ist. Natürlich gibt es in den Städten, vor allem in San Pedro Sula und in Tegucigalpa, Viertel, die man meiden sollte, aber das gibt es schließlich weltweit in den Großstädten. Und damit hat er ja nicht ganz Unrecht.

Wie wir uns denn bisher in Honduras gefühlt hätten, werden wir gefragt.
Und wahrheitsgemäß antworte ich, dass wir uns bisher in keiner Sekunde unsicher gefühlt hätten. Ganz im Gegenteil, wir sind bisher eigentlich ausschließlich auf freundliche und außerordentlich hilfsbereite Menschen gestoßen.

Und, klar, wenn wir in einer Stadt vor einer menschenleeren oder irgendwie kritisch wirkenden Straße stehen, drehen wir einfach um und gehen zurück in eine belebtere Gegend. Und natürlich versuchen wir, aufmerksam zu sein und die üblichen Maßnahmen gegen Taschendiebstahl einzuhalten, und so, habe ich den Eindruck, sind wir hier keinem besonders großen Risiko ausgesetzt, dass uns etwas passieren wird.

Genau, bestätigt der Taxifahrer. Das gefährlichste in Honduras ist der Straßenverkehr, sagt er, und zwar sagt er es genau in dem Moment, in dem zwei Motorradfahrer so an uns vorbeirasen, dass es ein Wunder ist, dass diese nicht ineinander knallen.

Handypflicht am Steuer

Dass in Honduras nicht noch mehr auf den Straßen passiert, ist eigentlich erstaunlich. Denn anstatt sich auf die Straße zu konzentrieren, haben die Fahrer so gut wie immer ihr Handy in der Hand.

So hat unser letzter Busfahrer während der Fahrt ausgiebig Videotelefonate
geführt. Absolutes Highlight war aber unser Taxifahrer in der Stadt La Ceiba, der derart handysüchtig war, dass er es keine zehn Sekunden ausgehalten hat, ohne sein Handy in der Hand zu halten und durch die endlose Flut an Reels zu scrollen. Dazu war das Handy über Bluetooth mit der Soundanlage im Auto verbunden, die auf volle Lautstärke gedreht war. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie sich diese Fahrt angefühlt bzw. angehört hat.

Grundsätzlich ist das stundenlange stumpfe Konsumieren von Social Media anscheinend eine der Lieblingsbeschäftigungen in Honduras. Dazu kommt, dass offensichtlich niemand Kopfhörer besitzt, aber man während des Durchscrollens durch Instagram & Co. den quäkenden Handylautsprecher immer auf hoher Lautstärke eingestellt haben muss. Der Geräuschteppich, der sich hier zum Beispiel in einem gut gefüllten Bus oder in einem Café ergibt, ist unbeschreiblich.

Triunfo de la Cruz

Jedenfalls, während der Taxifahrer und ich weiter über die Sicherheitslage in Honduras philosophieren, kommen wir in Triunfo de la Cruz an.

Der erste Eindruck ist, dass es hier mindestens genauso ausgestorben ist wie in Tornabé.

Da wir keine Unterkunft entdecken, zumindest keine, die geöffnet ist und bei der wir uns einquartieren möchten, fassen wir den Entschluss, auch dieses Dorf zu verlassen und uns einmal diese angeblich so gefährliche Stadt Tela mit ihrem angeblich so schön beleuchteten Platz anzusehen.

Sicherheitsregeln

Und schon wieder das Problem: Wie kommen wir wieder weg?

Auch nach einer Ewigkeit lässt sich kein Taxi blicken. Uber funktioniert hier nicht. Und es ist kein Mensch weit und breit, der uns weiterhelfen könnte.

Irgendwann hält ein Auto neben uns an, der Fahrer fragt, wo wir hinwollen.
Nach Tela.
Ok, kein Problem. Da es hier keine Taxis gibt, übernimmt er diese Aufgabe, sagt er uns.
Wohl wissend, dass wir damit einige grundsätzliche Sicherheitsregeln missachten, schließlich sind wir mit unserem kompletten Gepäck unterwegs und befinden uns im Dunstkreis einer als nicht sicher geltenden Stadt, steigen wir ein.

Land:Honduras
Ort:Tornabé - Triunfo de la Cruz
Reisedatum:19.11.2025 - 21.11.2025
Autor:Manuel Sterk
Veröffentlicht:01.12.2025
Leser bisher:30

Deine Meinung zu dieser Reiseerzählung:


Gefällt mir

Nicht so toll
Ingrid
Au,weia
Dein Kommentar:
Dein Name:

Dein Name wird über Deinem Kommentar angezeigt. Du kannst dabei natürlich irgendwas eingeben, auch den größten Blödsinn, aber schön wäre es, wenn die Leser Deines Kommentars erkennen könnten, wer ihn geschrieben hat ;)

Nächste Reiseerzählung:

Der perfekte Urlaubsort

Über Tela habe ich nichts Gutes gelesen: Gefährlich, heruntergekommen und ohne Sehenswürdigkeiten. Warum sollten wir dann ausgerechnet dorthin?
Lesen...(Lesedauer ca. 14 Minuten)