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Deutschland
Von Stuttgart nach Ulm

Zu Fuß zur Arbeit

Lesedauer: ca. 30 Minuten

Einmal zu Fuß zur Arbeit gehen, so wie andere Leute auch! Das Problem: Zwischen unserer Wohnung in Stuttgart und Nadines Arbeitsstätte in Ulm liegen einhundert Kilometer. Die Idee hört sich also vielleicht ein wenig abwegig an.

Es ist Donnerstagabend, Nadine muss erst am Dienstag wieder arbeiten, wenn wir also morgen früh losziehen, dann hätten wir vier Tage Zeit für ihren Arbeitsweg. Uns fällt kein Grund ein, warum wir morgen nicht den Versuch starten sollten, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Außer vielleicht, dass ich mich heftig erkältet habe und mich alles andere als gesund fühle, aber andererseits, irgendwas ist immer, also steht unser Plan: Morgen früh werden wir unsere Rucksäcke packen und zu Fuß nach Ulm gehen.

Los geht's!

Beim Rucksackpacken befolgen wir den bewährten Grundsatz, alles wegzulassen, was man nicht unbedingt benötigt, und dieses Mal sind wir besonders mutig: Trotz etwas unsicherer Wetterlage lassen wir alles weg, was mit Regenschutz zu tun hat, sowohl für uns als auch für unsere Rucksäcke. Falls es also regnen sollte, müssten wir ziemlich schnell einen Unterstand finden.
Es folgt die Umsetzung der Rucksackpack-Regel Nummer zwei: Auch wenn wirklich nur das drin ist, was man unbedingt zu brauchen meint, packt man trotzdem ein paar der eingepackten Sachen wieder aus - und fertig ist der optimale Rucksack: Leicht, unbeschwert zu tragen, und die meiste Zeit reicht sein Inhalt vollkommen aus. Und wenn nicht, findet sich immer irgendeine Lösung. Deutlich besser, als zu viel Gewicht mit sich herumzuschleppen, vier Tage lang.

Mangels Vorbereitungszeit überlassen wir die Routenplanung einer App auf meinem Handy, aber den Weg der ersten Etappe kennen wir ohnehin: Wir müssen den Stuttgarter Talkessel verlassen, am Fernsehturm vorbei, und dann weiter Richtung Flughafen. Also direkt vom Start weg erstmal knapp dreihundert Höhenmeter bergauf.

Auf halber Höhe machen wir einen kurzen Stopp beim Teehaus, wo man einen wirklich schönen Blick über die Stadt hat, zum Abschied sozusagen, und ab jetzt geht es durch den Wald, kontinuierlich weiter bergauf. Waren wir gerade eben wirklich noch mitten in der Stadt?

Die Horrorfilm-Bäume

Ein paar Stunden später würde keiner von uns beiden auf die Idee kommen, freiwillig auch nur einen Meter Umweg zu gehen, aber im Moment sind wir noch nicht so weit: Zu verlockend ist es, den Wald zu verlassen, um an einer Eisdiele vorbeizukommen. Schließlich haben wir soeben den Fernsehturm passiert und somit die erste Steigung unserer Arbeitsweg-Wanderung erfolgreich gemeistert.

Beim anschließenden Versuch, wieder zurück zu unserer Route zu kommen, gelangen wir auf einer Brücke über einen kleinen Bach zu einem bergigen Waldstück, das offensichtlich nur selten von Menschen besucht wird: Es gibt zwar einen kleinen Weg hindurch, aber der ist von zahlreichen umgestürzten Bäumen blockiert, wir kommen eher kletternd als gehend voran. Kaum zu glauben, dass wir uns noch innerhalb des Stuttgarter Stadtgebiets befinden.

Der Weg führt auf eine Lichtung, wo sich eine Kombination aus Sozialwohnheim und Kfz-Werkstatt befindet, zumindest wirkt es auf uns so, und danach kommt auch schon der Weg, auf den wir eigentlich wollten. Es geht einen Bach entlang, der in diesem heißen und trockenen Sommer allerdings kein Bach ist, sondern eine lockere Ansammlung an kleinen Pfützen.

In einem Tal kommen wir an einer markanten Baumgruppe vorbei, die uns irgendwie bekannt vorkommt. Und tatsächlich, hier waren wir im Frühjahr schon einmal, und da waren diese Bäume und sämtliche Sträucher vollständig von dichten spinnwebenartigen weißen Netzen umwoben. Es sah aus wie in einem Horrorfilm. Wir haben nicht geglaubt, dass in diesen Bäumen noch Leben steckt. Und nun nun stehen sie in voller Pracht da, als wäre nichts gewesen. Faszinierend.

Die Felder

Eine neue Szenerie breitet sich vor uns aus: Felder. Endlose Felder. Unser Weg führt uns mitten durch diese Felder hindurch. Eigentlich schade, dass unser Fotoapparat der Rucksackpack-Regel Nummer zwei zum Opfer gefallen ist und ich somit nur mit meinem in die Jahre gekommenem Handy fotografieren kann.

Auch der Himmel hat sich geändert. Bis eben war er tiefblau, jetzt ziehen von allen Seiten bedrohlich wirkende Wolken auf. Hoffen wir, dass es nicht zu regnen anfängt. Ein heftiger Donner unterbricht diesen Gedankengang.

Die nahende Autobahn ruft uns ins Gedächtnis zurück, wo wir uns befinden, also doch nicht weit weg im Niemandsland. Fast hätten wir das geglaubt.

Wir finden einen Weg unter der Autobahn hindurch und kommen dann an der Start- und Landebahn des Flughafens vorbei, nur ein Zaun trennt uns von den Flugzeugen. Wir schauen bei ein paar Starts und Landungen zu und gehen dann weiter.

Wieder durch Felder. Und danach nochmal durch Felder. Kein Wunder, dass diese Region hier Filderebene heißt, woher auch immer das I in den Namen gerutscht ist.

Die Pause

Wir kommen an einem der unzähligen Stuttgarter Vororte vorbei, oder genauer gesagt, an seinem Industriegebiet. So langsam wäre eine Pause nicht schlecht, also setzen wir uns auf eine kleine Wiese. Hinter uns befindet sich ein Parkplatz mit Hunderten an geparkten Bussen, vor uns eine viel befahrene Straßenkreuzung, ein sehr idyllischer Platz also für ein kleines Picknick.

Gestärkt gehen wir weiter. Etwa hundert Meter von unserem Picknick-Platz entfernt kommt ein Bach mit einer kleinen Brücke, der Bachlauf wird gesäumt durch Bäume und dichtes Grün, ein großer Stein lädt zum Hinsetzen und Picknicken in schöner Umgebung ein. Aber das konnten wir schließlich nicht wissen.

Noch eine Pause

Schon wieder ändert sich die Landschaft. Es wird deutlich hügeliger und die Felder werden durch Streuobstwiesen ersetzt.

Kaum vorstellbar, wie viele Äpfel an einem Baum hängen können. Und nicht selten sind riesige Äste durch das enorme Gewicht abgebrochen. An Obst scheint es diese Saison wahrlich nicht zu mangeln. Manche Bäume laden derart dazu ein, ihre knallroten Äpfel zu probieren, dass wir unmöglich widerstehen können. Sehr lecker.

Allerdings haben wir zu wenig Wasser mitgenommen. Wir haben damit gerechnet, häufiger durch Ortschaften zu kommen, wo wir uns dann mit Getränken hätten versorgen können, aber unsere Route führt fast durchgängig durch Wälder und Wiesen. Das ist zwar wunderschön, löscht aber nicht unseren Durst. Also müssen wir einen erneuten Umweg in Kauf nehmen, diesmal um zu einem Supermarkt zu kommen. Die letzte Pause unseres heutigen Tages machen wir dann am Parkplatz dieses Supermarkts, an der Mauer zur Lkw-Rampe. Wir haben wirklich ein Händchen dafür, uns die idyllischten Plätze für unsere Pausen zu suchen.

Das Etappenziel

So schön die Wanderung auch ist, irgendwann gehen unsere Kräfte zu Ende. Also küren wir als heutiges Tagesziel die Stadt Nürtingen.

Stuttgart liegt am Neckar und Nürtingen liegt auch am Neckar, also hätten wir eigentlich nur diesem Fluss folgen müssen und uns dadurch einige Höhenmeter ersparen können. Allerdings ist der Neckar bekannt für seinen eigenwilligen Verlauf, und da ist man dann durchaus mal zwanzig oder dreißig Kilometer länger unterwegs. Haben wir auch schon ausprobiert. Glücklicherweise war das mit dem Fahrrad und nicht zu Fuß.

Jedenfalls ist es nun nicht mehr allzu weit nach Nürtingen. Laut Wettervorhersage bestand in Nürtingen am späten Nachmittag eine hundertprozentige Regenwahrscheinlichkeit, wir haben also wirklich Glück gehabt, trocken dort anzukommen. Jeweils genau drei Regentropfen haben wir abbekommen, mehr nicht.

Wir finden eine verhältnismäßig günstige Pension mitten in der Innenstadt. Wider Erwarten bekommen wir dort ein recht ansprechendes, riesiges Zimmer, sogar einen Balkon haben wir. Wir sind die einzigen Gäste und haben somit freie Zimmerwahl, was wir natürlich ausnutzen. Sogar eine Küche gibt es hier, allerdings ist deren Zustand, nun ja, vielleicht nicht der allersauberste. Aber nach unseren umfangreichen Hostelküchenerfahrungen in Südamerika sind wir so einiges gewohnt, man könnte also fast sagen, perfektes Urlaubsfeeling hier. Jedenfalls darf ich mich an der umfangreichen Teeauswahl im Schrank bedienen, was wirklich gut ist, denn ein Tee wäre jetzt für meine Erkältung genau das Richtige, denke ich. Nur leider sind die Teepackungen, die in dem Schrank stehen, allesamt leer. Warum sollte man leer gemachte Packungen auch wegschmeißen, müssen sich die anderen Gäste gefragt haben. Aber einen Schwarztee finde ich noch, immerhin.

Wir gehen noch in einen völlig überdimensionierten Supermarkt, um Proviant für morgen einzukaufen, für unsere Pausen, für die wir dann sicherlich genauso idyllische Orte finden werden wie heute.

Und dann sind wir froh, dass wir nirgends mehr hin müssen. Praktischerweise gibt es direkt unter unserer Pension eine Bar, wo man Flammkuchen essen kann, und das machen wir dann auch.

Knapp fünfunddreißig Kilometer waren wir heute unterwegs, nicht schlecht, finde ich, und entsprechend erschöpft sind wir. Was nicht ganz so gut ist, ist, dass meine letztes Jahr in Neuseeland gekauften Wanderschuhe offensichtlich in Europa nicht funktionieren. Zumindest schmerzen meine Füße unerträglich. Und sind voller Blasen, stelle ich fest. Mist.

Unser Zimmer verfügt sogar über eine Badewanne, und auf die freue ich mich jetzt.
Nur leider lässt sich der Abfluss irgendwie nicht schließen. Das ist ärgerlich. Aber der Stöpsel aus dem Spülbecken der Küche passt, entdecke ich, also komme ich doch noch zu meinem Bad.

Leider kommen wir heute Nacht nicht so richtig zum Schlafen: Plötzlich gewittert es heftig, Weltuntergangsregen. Wir retten unsere Sachen vom Balkon und warten, bis der Krach zu Ende geht. Gut, dass dieser Regen so lange gewartet hat, bis wir im Trockenen sind, ansonsten hätten wir womöglich nach Nürtingen schwimmen müssen.

Kaum eingeschlafen, werden wir wieder aufgeweckt: Offensichtlich ist es in Nürtingen üblich, dass man Freitagnacht, nachdem man ausreichend Alkohol getrunken hat, sich vor dem Nachhauseweg noch unter dem Fenster unserer Pension trifft, um sich dort lautstark und sinnentleert zu unterhalten. Sobald die eine Gruppe weg ist, dauert es ein wenig, und dann kommt die nächste. Ganz toll.

Die Doofen und die Schlauen

Am nächsten Morgen suchen wir erstmal eine Apotheke, Blasenpflaster kaufen. Ich hoffe, damit die nächste Etappe zu überstehen: Heute steht der Albaufstieg an!

Übers Handy recherchieren wir schon mal, wo wir heute übernachten könnten, wenn wir oben angekommen sind. Eigentlich haben wir nicht viel Auswahl: Nur ein einziges Hotel liegt auf unserer Route, es hat die interessant klingende Adresse „Torfgrube“. Nadine ruft dort sicherheitshalber an, ob ein Zimmer frei wäre. Leider nein, wegen einer Hochzeit. Verflixt. Gibt es in der Nähe noch andere Hotels, fragt sie nach. Ja, es gäbe in der nächsten Ortschaft noch eines, aber das ist auch ausgebucht, wegen der Hochzeit.

Irgendwie gelingt es Nadine, dass wir dann doch noch ein Zimmer bekommen: Es gibt in dem Hotel ein Zimmer, dass sie normalerweise nicht hergeben, und das könnten wir als Notlösung haben. Wir stellen uns nun vor, wie wir nach unserer Wanderung mit unseren Rucksäcken durch eine Hochzeitsfeier marschieren und dann in einer Besenkammer übernachten.

Aber zunächst müssen wir nach Owen, das ist die letzte Ortschaft vor unserem Albaufstieg. Zu Beginn führt unser Weg durch Streuobstwiesen und dann durch Wald, lediglich ein kurzes Stück müssen wir auf einem Fahrradweg an einer Straße entlang gehen.
Ein wirklich wunderschöner Weg, nur ist er deutlich länger, als ich eigentlich gedacht habe: Wir haben gestern ernsthaft überlegt, noch bis Owen weiterzugehen, denn laut meiner Navigation wären es nur gut fünf Kilometer mehr gewesen. Gut, dass wir das dann doch nicht gemacht haben, denn tatsächlich sind es knapp fünfzehn Kilometer. Keine Ahnung, was ich da gestern für einen Unsinn ausgerechnet habe.

Auf halber Strecke nach Owen sagt mir mein Körper, dass er eigentlich für heute genug hat. Vor allem meine blasenübersäten Füße. Und dabei sind wir erst losgegangen. Ohje.
Wir machen also erstmal eine Pause. Und nein, nicht an einem Parkplatz. Sondern mitten im Wald, an einem wirklich schönen Ort. Ich bin völlig überrascht.

Und dann kommen wir doch noch in Owen an. Immerhin wissen wir, wie man diesen Ortsnamen ausspricht, denn nur die Doofen sagen Owen, die Schlauen sagen Auen. So jedenfalls lautet der Merkspruch.

Wir wollen vor dem Aufstieg noch eine Kleinigkeit essen. Das Restaurant im Ort schließt um vierzehn Uhr. Es ist vierzehn Uhr. Am Ende des Orts gibt es noch ein Restaurant, behauptet meine Navigationssoftware, also gehen wir da hin. Dieses Restaurant ist aber ebenfalls geschlossen. Und zwar seit längerem und für immer. In Google finden wir dann immerhin noch eine Bäckerei, und zwar am anderen Ende des Orts. Also gut, probieren wir es, auf ein oder zwei Kilometer mehr kommt es nun wirklich nicht an.

Owen könnte recht idyllisch sein, mit dem Fluss, an den es gebaut wurde, und der Lage direkt unter dem Teckberg, dem Blick auf die Burg, aber in Wirklichkeit ist es der Horror: Quer durch den Ort verläuft eine Straße, die so stark befahren ist, dass es nahezu unmöglich ist, von einer Seite zur anderen zu wechseln. Glücklicherweise finden wir eine Fußgängerampel, ansonsten hätten wir womöglich wieder umkehren müssen.

Wir kommen an der Bäckerei an. Das scheint der neueste Trend in den Dörfern der Region zu sein, nicht zum ersten Mal landen wir in letzter Zeit in so etwas: Neu gebaut, in einem irgendwie möchtergern-modernen Stil gehalten, mit einem riesigen Gastraum, dazu ein paar Außentische direkt vor einem großzügig dimensionierten Parkplatz, so sieht die Dorfbäckerei von heute aus. Hier trifft man sich, die übergewichtigen Frauen zu Kaffee und Kuchen mit Sahne, die Trauergesellschaft zum Leichenschmaus.
Aber wir wollten nicht lästern, sondern einen Kaffee trinken, eine Kleinigkeit essen und auf die Toilette gehen, und all das können wir hier.

Der Gelbe Fels

Wir gehen ein letztes Mal durch das vom Autoverkehr in die Knie gezwungene Owen, wieder ans entgegengesetzte Ende, und dort biegen wir links ab. Und plötzlich geht es los: Bergauf.

Es ist erstaunlich, wie viele Höhenmeter man in so kurzer Zeit zurücklegen kann. Zunächst gehen wir über trockene Wiesen, dann durch Wald. Wir kreuzen eine kleine Straße mit einem Parkplatz, um danach weiter steil bergauf zu gehen. Ein Wegweiser führt zur Burg Teck, wo wir aber eigentlich gar nicht hin wollen. Und tatsächlich, an einer Biegung zweigt unser Weg ab und führt uns in Steillage an einem riesigen Felsen vorbei. Ein Stück über uns befindet sich in diesem Fels eine Höhle, und die wollen wir uns natürlich anschauen, zumindest ihren Eingang, hinein trauen wir uns nicht.

Und dann kommt der spannendste Abschnitt: Wir gehen einen derart steilen Hang entlang, dass wir größte Mühe haben, uns mit unseren Rucksäcken im Gleichgewicht zu halten und nicht umzukippen oder auszurutschen, wir wären dann unweigerlich den Berg hinuntergerollt.
Und plötzlich ist der Weg verschwunden. Vermutlich gab es hier kürzlich einen Erdrutsch, anders können wir uns das plötzliche Verschwinden unseres Wegs nicht erklären. Wir gehen ein wenig querfeldein, bis wir meinen, den Weg wieder gefunden zu haben.

Auf einmal biegt unser Weg, eigentlich eher ein Trampelpfad, in einen breiten Wanderweg ein, wo auch andere Leute unterwegs sind. Jetzt geht es etwas entspannter weiter, erst ein wenig bergab, dann wieder bergauf, bis wir nach einiger Zeit unterhalb einer Burgruine landen. Die Ruine Rauber ist das, erfahren wir. Unsere eher zufällig gewählte Route hält ganz offensichtlich einige Attraktionen für uns bereit, faszinierende Felsformationen, Höhlen, Burgruinen - mal sehen, was noch so alles kommt.

Das Moor

Wir sind oben angekommen!
Hier ist alles irgendwie anders, grüner, nicht so vertrocknet. Wie wenn der extrem trockene Sommer dieses Jahr hier keine Spuren hinterlassen hätte.

Noch ein paar Kilometer, und wir landen in einem Moorgebiet. Was es hier nicht alles gibt! Mitten in einer wunderschönen, aus kleinen Wäldern, Hügeln und Feldern bestehenden Landschaft taucht das Moor vor uns auf.

Dankenswerterweise wurde hier ein Steg auf Stelzen quer durch das Moor gebaut, so dass wir hindurch gehen können, ohne darin einzusinken. Eine „barrierefreie Besucherlenkung“ ist das, lese ich auf einem Hinweisschild. Interessante Formulierung.

Wir sehen bereits unser Ziel, den Landgasthof, aber es hilft nichts: Mitten im Moor befindet sich eine Bank, und auf die setze ich mich. Keinen Meter gehe ich mehr mit meinen schmerzenden Füßen, ich bin für heute wirklich am Ende.

Der Landgasthof

Irgendwie habe ich die letzten Meter dann doch noch geschafft.
Wider erwarten landen wir nicht in einer Hochzeitsfeier, sondern in einem Biergarten mit zahlreichen Albausflüglern, wir fallen hier also eigentlich überhaupt nicht auf. Und das Zimmer, das wir bekommen, ist nicht wie erwartet eine Besenkammer, sondern ein recht großes Dachzimmer. Zu welchen Zeiten die Einrichtung des Zimmers einmal modern gewesen sein mochte, das wäre allerdings eine spannende Fragestellung.

Die Besitzer des Landgasthofs haben sich wirklich alle erdenkliche Mühe gegeben, jeden freien Quadratzentimeter ihrer Räume mit irgendeinem Zeugs vollzustellen, kitschige Dekostücke, Puppen, Stofftiere. Ein sehr interessantes Ambiente hier.

In der Speisekarte des Biergartens sind Zeitungsartikel abgedruckt, in denen es darum geht, dass die Besitzer des Landgasthofs im Krieg mit den Behörden sind. Offensichtlich will ein Beamter verbieten, dass die Esel und Schafe und sonstigen Tiere weiterhin auf den Weiden vor dem Landgasthof gehalten werden dürfen. Mir ist allerdings nicht ganz klar, ob nicht vielleicht die Opfer der vermeintlichen Behördenwillkür außer Acht lassen, dass man aus einem Naturschutzgebiet nicht einfach eine Weide machen kann, aber vielleicht habe ich die Situation nicht richtig umrissen.

Jedenfalls lesen wir nicht nur in der Speisekarte, sondern bestellen daraus auch etwas, und genießen unser Abendessen bei angenehmen Temperaturen im Freien. Ich hätte mir die Hochebene der Schwäbischen Alb deutlich kälter vorgestellt.

Die Explosion

Am nächsten Tag gehen wir ein längeres Stück durch grünen Wald. Was insofern erwähnenswert ist, weil dies der erste wirklich grüne Wald seit langer Zeit ist: Sonst überall hat die andauernde Trockenheit die Wälder vorzeitig in den Herbst versetzt, nicht aber hier, hier ist alles intensiv grün.

Und schon wieder führt uns unsere Route an einigen Attraktionen vorbei, jetzt gerade an einer Höhle, die im zweiten Weltkrieg als Munitionslager gedient hat und dann am Kriegsende gesprengt wurde. Man kann sich leicht ausmalen, dass dabei von der Höhle nicht viel übrig geblieben ist. Wenn man das Steintrümmerfeld hier sieht, meint man fast, den Nachhall des Knalls noch hören zu können.

Ein paar Kilometer weiter gibt es dann Höhlen, die nicht gesprengt wurden, und eine davon schaue ich mir im Rahmen einer Führung an. Diese Tropfsteinhöhle muss wohl eine bekannte Touristenattraktion sein, zumindest sind Unmengen an Leuten hier, woher auch immer die plötzlich kommen. Ich bin also in der Höhle nicht wirklich allein, aber faszinierend ist es allemal. Und eine willkommene Abkühlung ist diese Höhle, acht Grad herrschen hier, Kühlschranktemperatur.

Eine Treppe führt einige Meter in die Höhle hinunter, die sich dann in zwei Gänge aufteilt. Der erste Gang wirkt wie eine Kathedrale, er besteht aus großen hohen Räumen, die Decke mit den unzähligen Tropfsteinen sieht aus wie ein Kunstwerk. Zu diesem Effekt trägt sicherlich auch die punktuelle Beleuchtung bei. Als unser Führer zu Demonstrationszwecken die Beleuchtung ausschaltet, sieht es hier anders aus. Genaugenommen sieht es nach gar nichts aus, denn es ist stockfinster. Kaum vorstellbar, wie dunkel eigentlich Dunkelheit sein kann. Ein wenig gruselig.
Plötzlich kommt ein Strahl Tageslicht durch die Decke hinein: Hier ist der einzige ursprüngliche Zugang zu der Höhle. Angeblich wurde die Höhle entdeckt, weil ein Hund während einer Jagd unvermittelt verschwunden ist, wie vom Erdboden verschluckt. Als man daraufhin den Hund gesucht hat, wurde er letztendlich in dieser Höhle gefunden. Ob diese Geschichte wahr ist, das weiß ich nicht, aber es ist jedenfalls eine eigenartige Vorstellung, dass man, ob Hund oder Mensch, versehentlich in ein Loch tritt und sich dann in einer riesigen, dunklen Höhle wiederfindet. Die Schwäbische Alb muss einmal ziemlich gefährlich gewesen sein.

Der zweite Gang der Höhle ist länger, aber auch deutlich enger. Ob die Höhle nach dem Ende dieses Gangs weitergeht, das weiß man bis heute nicht, denn man müsste versuchen, Durchgänge zu bohren, um weitere Gänge zu entdecken. Technische Erkundungsgeräte bringen hier nichts, erfahre ich, denn die Schwäbische Alb ist ähnlich einem Schweizer Käse voll von Löchern, so dass Geräte, die Hohlräume erkennen, eigentlich andauernd anschlagen würden und der Erkenntnisgewinn somit nicht sonderlich hoch wäre.

Nach dieser Höhlenbesichtigung muss ich erstmal auftauen, und danach gehen wir weiter. Wir machen noch einen kurzen Abstecher zu einer weiteren Höhle und setzen dann unsere Wanderung fort. Irgendwann verlassen wir den Wald, was sehr schade ist, denn wer weiß, wie viele Monate es dauern wird, bis wir wieder von so sattem Grün umgeben sein werden.

Wir kommen durch eine Ortschaft, in der es ein Restaurant gibt, und das nutzen wir aus für eine längere Mittagspause. Am Nachbartisch wird der örtliche Klatsch und Tratsch ausgetauscht. Kürzlich hat sich ein Nachbar in seiner Garage erschossen, bekomme ich dabei mit.

Die Betriebsferien

Knapp zwei Stunden später landen wir in Laichingen. Der Name klingt zwar nicht danach, aber Laichingen ist immerhin eine Kleinstadt, hier würde es also vermutlich Übernachtungsmöglichkeiten geben. Allerdings ist es dafür noch zu früh, wir hätten dann für morgen noch zu viele Kilometer übrig. Also gehen wir weiter. Was vielleicht ein Fehler war.

Weitere zwei Stunden später kommen wir in einer Ortschaft an, in der es laut meiner Navigationssoftware eine Übernachtungsmöglichkeit gibt. Genauer gesagt sogar zwei, wir haben also Auswahl. Denken wir.

Das erste Hotel, das Gasthaus Lamm, ist geschlossen wegen Betriebsferien. Also gehen wir zum nächsten, dem Gasthaus zum Ochsen. Dort begrüßt uns ebenfalls ein Schild, dass wegen Betriebsferien geschlossen ist. Das darf doch wohl nicht wahr sein!

Aber dann lesen wir noch, dass trotz der Betriebsferien das Hotel geöffnet ist und dass Hotelgäste zu einem Hintereingang gehen sollen. Das machen wir und wir finden dort sogar einen Mitarbeiter, der uns ein Zimmer geben kann. Wir haben Glück, sagt er, denn eigentlich wäre er gar nicht mehr da, er wartet nur noch auf andere Gäste, die reserviert haben. Und die nun fünf Minuten nach uns eintreffen.

Das Landleben

Wir haben also eine Unterkunft für heute Nacht, aber leider noch nichts zu essen, denn die beiden Gasthäuser im Ort haben Betriebsferien und mehr Optionen gibt es hier nicht. Etwa zweieinhalb Kilometer entfernt befindet sich ein Campingplatz und dort gäbe es auch ein Restaurant, erfahren wir. Das wären also nochmal fünf Kilometer zu gehen. Wir sind nicht so recht davon überzeugt, dass wir das wollen.

Wenn man Hunger hat, aber das Haus nicht mehr verlassen will, dann lässt man sich etwas zu Essen liefern, denken wir als verwöhnte Stadtmenschen. Wir geben die Adresse in Lieferando ein. „Leider wurden keine Lieferdienste in Deiner Umgebung gefunden“, bekommen wir angezeigt. Nächster Versuch, Pizza.de: „Leider konnten wir keine passenden Lieferdienste finden“. Und so geht es weiter. Wenn man auf dem Land lebt, sollte man immer einen gefüllten Kühlschrank haben, lernen wir.

Wir sind vorhin zu Fuß von Laichingen hierher gegangen, somit sollte diese Strecke eigentlich auch von einem Pizzaboten mit seinem Auto überbrückbar sein. Also recherchieren wir im Internet nach Pizzerien in Laichingen und finden eine, die uns tatsächlich etwas zu essen liefern würde, wir müssten uns nur eineinhalb Stunden gedulden. Nun gut. Wir vereinbaren, dass uns der Pizzalieferant auf dem Handy anruft, wenn er da ist, schließlich haben wir keine Klingel und die Rezeption ist nicht besetzt.

Als nächste Lektion lernen wir, dass man auf dem Land nicht nur Geduld braucht, sondern dass das Landleben auch teuer ist, und das nicht nur wegen der hohen Liefergebühren der Pizzeria: Mit unseren billigen O2-Handyverträgen kommen wir hier nicht weit, vermutlich braucht man schon einen hochpreisigen Telekom-Vertrag, um hier Empfang zu haben. Und daher war die Idee, dass wir auf dem Handy angerufen werden, nicht unbedingt die allerbeste. Also geht Nadine runter und wartet an der Straße auf unser Essen.

Meine Pizza schmeckt nach gar nichts und ähnlich geht es Nadine mit ihrer Pasta. Aber wir haben großen Hunger und auf dem Land darf man eben nicht wählerisch sein.

Die Quelle

Der nächste Morgen führt uns nach ein paar Kilometern wieder in einen Wald. Der hier aber schon ziemlich herbstlich aussieht. Unser Weg führt durch eine Schlucht hindurch Richtung Lautertal. Es gibt, soweit ich es verstanden habe, eine Große Lauter und eine Kleine Lauter und somit auch ein Großes Lautertal und ein Kleines Lautertal, und die liegen jeweils völlig woanders, aber trotzdem in der Nähe. Sehr verwirrend. Unser Lautertal ist das Kleine Lautertal, und das, obwohl hier noch nirgends eine Lauter fließt, keine von beiden. Was daran liegt, dass wir erst noch zur Lauterquelle kommen müssen, genaugenommen zur Quelle der Kleinen Lauter, denn die der Großen Lauter liegt schließlich ganz wo anders.

An der Quelle gibt es ein Restaurant, und auf das haben wir uns eigentlich schon gefreut, aber leider ist es heute, am Montag, geschlossen.

Dafür ist die Quelle wunderschön, glasklares kaltes Wasser fließt hier vor traumhafter Kulisse in ein Naturbecken.

Und dank des geschlossenen Restaurants dürfen wir diesen schönen Ort auch ungestört von anderen Menschen erleben.

Laut Karte kommt keinen Kilometer weiter noch ein Restaurant, und da gehen wir anschließend hin. Aber wir sind noch nicht einmal dort angekommen, da sehen wir schon das Schild: Montag Ruhetag.

Also gehen wir hungrig weiter. Und genießen trotzdem das wirklich wunderschöne Tal entlang der Lauter mit ihrem glasklaren Wasser.

Die Holzkiste

Und irgendwann kommen wir in der nächsten Ortschaft an. Vielleicht gibt es hier ein geöffnetes Restaurant, hoffen wir. Aber wir haben Pech: Entweder sind Betriebsferien oder der Montag ist Ruhetag oder das Restaurant hat nur bis vierzehn Uhr geöffnet. Man sollte also niemals während der Ferienwochen an einem Montag nach vierzehn Uhr Hunger haben.

Die nächste Ortschaft ist Blaustein, immerhin eine Stadt. Aber auch hier: selbes Spiel. Betriebsferien oder Montag oder vierzehn Uhr.
Aber dann haben wir Glück: Am Bahnhof gibt es zumindest so etwas ähnliches wie ein Restaurant. Holzkiste nennt es sich, was recht passend ist, denn das Gebäude ist eine Kiste aus Holz. Diese Lokalität würde einen prima Stopp auf unseren Schräggastro-Touren abgeben, wenn es nicht so weit weg von Stuttgart liegen würde. Aber es gibt Currywurst und Pommes, und das ist definitiv besser als nichts. Wir setzen uns auf die Terrasse, wo wir in brütender Hitze unter einem Plastikdach auf unser Essen warten.

Die letzten achthundert Meter

Wir gehen schon wieder einen Fluss entlang, diesmal nennt er sich Blau. Warum auch nicht.

Und nach einiger Zeit kommen wir dann in Ulm-Söflingen an, unserem endgültigen Ziel. Irgendwie schade.

Etwa achthundert Meter vor Nadines Arbeitsstätte gibt es eine einigermaßen preiswerte Pension, und diese achthundert Meter sparen wir uns als letzte Etappe für morgen früh auf und nehmen in der Pension ein Zimmer. Entgegen unserer Erwartungen bekommen wir ein riesiges, sehr helles Zimmer. Und die Küche der Pension ist erstaunlich sauber, zumindest wenn man den Nürtinger Maßstab anlegt. Ich kann mir also in jeden Fall einen Tee kochen, vielleicht hilft er diesmal gegen meine immer schlimmer werdende Erkältung. Ich möchte heute Nacht nicht wie gestern Fieber bekommen.

Zum Schluss haben wir noch mal ein wenig Südamerika-Feeling: Wie in den dortigen Städten üblich fahren hier Unmengen an lärmenden Bussen vor dem Haus vorbei. Ich wusste gar nicht, dass Ulm über ein derart eng getaktetes Busnetz verfügt. Und wie es in den Städten Südamerikas auch oftmals der Fall ist, liegen hier zwar Schienen in der Straße, es fahren aber keine Straßenbahnen, sondern Busse. Mitunter in den eigenartigsten Größen, Zweidrittelbusse würde ich sie nennen. Jedenfalls, wirklich ruhig ist es in unserem Zimmer nicht. Andererseits, wenn ich das nächste Mal irgendwo in Südamerika bin und ich dort aus dem Bett falle, weil fünf Straßen weiter ein Bus entlangdonnert, vielleicht werde ich dann daran denken, dass die Busse in Ulm eigentlich vergleichsweise geräuschsarm waren.

Wir machen noch einen kuren Spaziergang durch Söflingen, kaufen eine Kleinigkeit zum Essen und fallen dann ziemlich erschöpft ins Bett.

Und am nächsten Morgen gehen wir die letzten achthundert Meter von Nadines insgesamt einhundertfünf Kilometer langen Arbeitsweg. Am Ziel angekommen verabschieden wir uns und ich wünsche ihr einen angenehmen Arbeitstag.

Land:Deutschland
Ort:Von Stuttgart nach Ulm
Reisedatum:17.08.2018 - 20.08.2018
Autor:Manuel Sterk
Veröffentlicht:02.09.2018
Leser bisher:83

Deine Meinung zu dieser Reiseerzählung:


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Nicht so toll
Deutschlandjäger Jan
Hi Manuel. Schöner Bericht. Erinnert mich an meinen Megamarsch von Stuttgart nach Plüderhausen letzten Samstag, was allerdings "nur" 50 km waren. :-) Fände es übrigens schöner, wenn die Fotos direkt in den Text eingebettet wären, das erleichtert das Lesen. Weiter so! LG, Jan (der Deutschlandjäger)
Manuel
Vielen Dank, Jan!
Danke auch für den Tipp mit den Bildern, da hast Du sicherlich recht: ganz schön viel Text am Stück :-)
Von Deinem Deutschlandjäger-Blog kann ich jedenfalls eine ganze Menge lernen, der ist wirklich phantastisch!
Liebe Grüße
Manuel
Update: Es hat zwar etwa ein Jahr gedauert, aber nun sind die Fotos im Text. Zumindest die meisten.
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