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Azoren
Furnas und Sete Cidades

Geisterhäuser auf São Miguel

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Überall brodelt es und dampft es aus der Erde, aus einem Loch blubbert brühend heißer Schlamm nach oben. Der Vulkan gibt wirklich alles, um uns zu beeindrucken.

Aber irgendwann bekommen wir von den heftig stinkenden Schwefeldämpfen Kopfschmerzen, wir verlassen also besser dieses Areal und überlassen es den Katzen, die es sich auf den vulkanbeheizten Steinen gemütlich machen.

Das Geisterhaus im Hexenwald

Aber weit kommen wir nicht. Direkt am Waldeingang stoßen wir auf ein verlassenes Haus. Vor den Resten einer Mauer steigt Dampf aus dem Boden und hüllt das Haus in leichten Nebel. Gespenstisch. Trotzdem wagen wir einen Blick hinein. Wider Erwarten finden wir dort keine Hexe.

Neben dem Haus verläuft ein Weg in den Wald, aber dieser dunkle Wald ist uns irgendwie nicht geheuer, also drehen wir um. Vielleicht haben wir ein bisschen zuviel von den Dämpfen eingeatmet.

In den Tropen

Wir gehen ein kleines Stück den See entlang, genießen die schöne Landschaft und durchlüften jeweils unseren Kopf.

Etwas später weist ein unscheinbares Schild in den Wald hinein zu irgendeinem Pico, was vermutlich Gipfel bedeutet, und da wir nichts Besseres vorhaben, folgen wir diesem Weg.

Und plötzlich befinden wir uns mitten in einem tropischen Dschungel. So wirkt es jedenfalls. Eine extrem hohe Feuchtigkeit und intensives, dichtes Grün um uns herum. Und dann geht es steil bergauf. Dabei wäre unter diesen klimatischen Bedingungen bereits Nichtstun anstrengend genug.

Das Geisterhaus im Dschungel

Nach gefühlt tausend Höhenmetern, in Wirklichkeit waren es vermutlich keine zweihundert, taucht mitten im Dschungel eine Villa auf. Oder zumindest das, was von ihr übrig geblieben ist.

Vermutlich ist der Besitzer morgens aus dem Haus gegangen, um ein paar Besorgungen zu erledigen, und als er abends zurückkam, hat die Feuchtigkeit bereits die Balken morsch werden lassen und das Grün aus dem Dschungel hat sich schon im ganzen Haus ausgebreitet. Und seitdem ist diese Villa sich selbst überlassen und wird von der Natur zurückerobert.

Fasziniert spicken wir durch jede Fensteröffnung, um diese Symbiose aus Haus und Vegetation zu bewundern.

Der Gipfel

Wir gehen weiter bergauf, Richtung Gipfel. Oben angekommen präsentiert sich uns eine völlig andere Landschaft, eine grüne, hügelige Hochebene.

Überall blüht die Girlandenblume, ein aus dem Himalaya stammendes Ingwergewächs. Die riesigen, stark duftenden, gelben Blüten findet man auf dieser Azoreninsel an jeder Ecke. Zumindest an jeder, an der sich kein Hortensienstrauch befindet. Obwohl, manchmal wachsen diese beiden Pflanzen sogar ineinander.
Jedenfalls scheinen hier ganze Hügel gelb zu blühen.

Wir gehen noch bis zu dem angekündigten Gipfel, um danach in einem steil nach unten führenden Weg zu verschwinden. Einige Zeit später riechen wir schon, dass wir bald angekommen sind, und tatsächlich fängt es schon wieder an, aus der Erde zu dampfen.

Zwei Kraterlagunen

Am nächsten Tag fahren wir nach Sete Cidades, wo zwei Kraterlagunen auf uns warten, eine blaue und eine grüne. Zahlreiche Legenden ranken sich um die Entstehung dieser Lagunen und ihrer Färbung, eine abenteuerlicher als die andere, Könige, Ritter, Frauen und Töchter, alle wichtigen Protagonisten sind dabei.

Die beiden Lagunen zählen zu den Top-Sehenswürdigkeiten der Azoreninsel São Miguel, alle Touristen kommen hierher, und da dürfen wir natürlich nicht fehlen.

Ein Straßenschild weist zum „Vista Do Rei“, vermutlich wird das „Königsblick“ heißen, mutmaßen wir, und das klingt doch mal ziemlich verlockend. Und tatsächlich hat man von hier einen herrlichen Blick über den weiten Krater mit seinen beiden Lagunen.

Das Geisterhotel

Noch mehr beeindruckt uns allerdings, was man von dem Aussichtspunkt aus ebenfalls sieht: Ein riesiges Geisterhaus, ganz offensichtlich eine ehemalige Hotelanlage, die wie so vieles auf dieser Insel vor langer Zeit verlassen wurde.

Die Eingänge dieses Hotels sind zugemauert, auf einem Schild steht „Perigo! Não entre“ und gleich darunter die Übersetzung: „Danger! Do not enter.“ Also eine ziemlich deutliche Einladung, sich das alles einmal genauer anzusehen.
Und tatsächlich streifen schon ein paar andere Leute durch das Hotel, wir sind also nicht die ersten, die nicht widerstehen können.

Wie klettern über eine Mauer und schon sind wir mitten drin in diesem Geisterhotel.

Eine riesige, über mehrere Stockwerke reichende Hotelhalle lässt erahnen, wie es früher einmal hier ausgesehen haben muss.
Alles ist zwar schon ziemlich zerstört und verfallen, aber dabei trotzdem insgesamt noch in ganz gutem Zustand. Seltsam.
Auf den Böden liegt sogar noch Teppich. Der allerdings bei jedem Schritt ein lautes Schmatzen von sich gibt, so durchtränkt ist er von Feuchtigkeit.
An manchen Wänden befinden sich mitunter wirklich sehr beeindruckende Graffiti, andere Wände sind einfach nur vollgeschmiert und wieder andere sind überwuchert mit Schimmelpilzkolonien.

Das Hotel muss so ausgesehen haben, wie ich mir ein Luxushotel aus den Siebzigern oder Achtzigern vorstelle. Fürchterlich.

Aber eines muss man dem Hotel lassen, schön gelegen ist es. Und alle Zimmer haben Meerblick. Die auf der einen Seite blicken auf das Meer vor der Nordküste der Insel, die auf der anderen Seite auf das Meer vor der Südküste. Und auf die beiden Kraterlagunen.

Vor uns befinden sich Schächte für gläserne Aufzüge, vermuten wir, und direkt dahinter führt eine Treppe nach oben. Und die gehen wir nun hinauf. Andere Neugierige kommen uns entgegen, es ist ein wenig so, als wäre das Hotel noch in Betrieb, wie wenn einfach ein paar Gäste aneinander vorbei gehen und sich dabei beiläufig grüßen.

Nach der Besichtigung einiger Hotelzimmer klettern wir auf das Dach. Ein Graffiti an der Außenmauer begrüßt uns: „Welcome to the best view.“

Und wirklich, der Ausblick von hier ist fantastisch, noch viel besser als von dem Königsblick-Aussichtspunkt. Das Hotel ist wirklich sehr schön gelegen, das muss man ihm lassen.

Nadine recherchiert im Internet, was es mit diesem Hotel auf sich hat. Anscheinend wurde das Hotel Ende der achtziger Jahre eröffnet, fünf Sterne, knapp hundert Zimmer, mit zwei Restaurants, drei Konferenzräumen, Disco, Bar, Frisör und einer Bank.

Und nach eineinhalb Jahren wurde es wieder geschlossen.

Ich vermute, dass es den Betreibern nicht gelungen ist, eine ausreichende Anzahl an zahlungskräftigen Touristen davon zu überzeugen, hier mitten im Niemandsland ein Hotelzimmer zu buchen, wo es wirklich nichts gibt, außer einen schönen Ausblick. Und selbst den nur äußerst selten, denn bei etwa zweihundert Regentagen im Jahr verschwindet hier alles die meiste Zeit in den Wolken.

Zwanzig Jahre lang wurde das leerstehende Hotel danach noch bewacht, in der Hoffnung, dass sich doch noch ein Käufer dafür findet. Eine lustige Idee war das, meine ich.
Letztendlich hat man aber dann doch aufgegeben und auch dieses Gebäude sich selbst überlassen. Wie so viele andere auf dieser Insel. Vielleicht heißt São Miguel ja auf portugiesisch „Insel der Geisterhäuser“, wer weiß ;)

Region:Azoren
Ort:Furnas und Sete Cidades
Reisedatum:08.09.2018 - 09.09.2018
Autor:Manuel Sterk
Veröffentlicht:10.09.2018
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