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Bolivien
Samaipata

Das merkwürdige Dorf

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Singende Militärs, scharchende Verkäufer, eigenwillige Lebensweisheiten, Ruinen mit kryptischen Erklärungen und tausendjahrige Farne mit eingebildeten Dinosauriern, das ist Samaipata. Und zum Abschied rollen mitten auf der Fernstraße Pfirsiche über die Windschutzscheibe unseres Taxis.

Das Dorf wacht auf

Es wird kalt auf unserer Parkbank. Aber mittlerweile ist die Sonne aufgegangen, erste Sonnenstrahlen verirren sich auf den Platz.
Wir ziehen um, auf eine Bank in der Sonne.

Plötzlich hören wir Marschgesang, wie aus einem schlechten Film. Und dann, 1-2-3-4, Militär marschiert um die Ecke. Wo sind wir denn hier gelandet?

Das Dorf wacht langsam auf. Ganz langsam. Die Weihnachtspyramide hört auf, ihre Geräusche von sich zu geben. Wie wenn nichts gewesen wäre steht sie nun ganz ruhig da, kein flackerndes Licht mehr, keine gespenstischen quäkenden Geräusche.

Um die Ecke steht ein verschlossener Marktstand, der uns in der Nacht einen Schrecken eingejagt hat, weil dieser Marktstand plötzlich geschnarcht hat. Jetzt pellt sich dort eine korpulente Verkäuferin heraus.

Das erste Café öffnet. Wir geben dem Besitzer keine Chance, seine Stühle auf die Terrasse zu stellen, sondern bestellen sofort einen Kaffee.

Sag Nein zu Brathähnchen

Wir starten unsere Unterkunftsuche. Und landen am Ende in einem Hostel, das seinen Gästen einen wichtigen Tipp zur Lebensführung mitgeben will:
Sag Nein zu Drogen, zu Brathähnchen und Coca Cola.

Das steht auf einem herzförmigen Schild, welches über den Tischen im Gemeinschaftsbereich baumelt. Darüber wächst Wein, und an diesem Wein sind Weihnachtsbaumkugeln aufgehängt. Ein wenig merkwürdig ist dieses Dorf schon, denke ich.

Nadines Katze

In unserem Hostel lebt eine kleine Katze, und zwar eine wirklich sehr kleine, und diese Katze klammert sich an Nadine. Sobald wir im Hostel sind, weicht sie keinen Zentimeter von ihr.

Eigentlich nicht schlimm, könnte man denken, ganz im Gegenteil. Allerdings ist es so, dass diese Katze ununterbrochen miaut und gleichzeitig schnurrt. Das hört sich ungefähr so an wie ein schreiendes Baby, das einen Motor verschluckt hat.

Wenn man das über Stunden ertragen muss, kann man möglicherweise irgendwann ein klein wenig wahnsinnig werden.
Willkommen in Samaipata!

Die Ruinen

El Fuerte heißen sie: Ruinen aus der Prä-Inka-Zeit, UNESCO-Weltkulturerbe, in faszinierender Umgebung gelegen. Da wollen wir hin.

Im Eingangsbereich unseres Hostels liegt Werbung für einen Touranbieter aus. „We espeak english“ verkündet das Plakat stolz. Trotzdem besuchen wir die Ruinen auf eigene Faust. Wir nehmen ein Taxi dorthin und wollen später zu Fuß zurück, die knapp zehn Kilometer erscheinen uns machbar, zumal es heute stark bewölkt und relativ kühl ist.

Aber wer kein Spanisch versteht, sollte sich vielleicht zum besseren Verständnis doch einer Tour dieses englisch esprechenden Anbieters anschließen: Zwar sind bei den Ruinen überall große zweisprachige Schilder mit Erklärungen aufgestellt, aber während der spanische Teil recht informativ ist, ist der englische mitunter etwas sinnentleert: „Its functions is depth of 16. meters“ steht da beispielsweise. Interessant.

Tausendjährige Farne im Jurassic Park

Wir wollen eine Wanderung in den Nationalpark Amboró unternehmen. Und zwar, um ein paar der dort lebenden Wildtiere wie Puma, Ozelot oder Brillenbär zu sehen.
Aber dafür sind wir in der komplett falschen Region dieses riesigen Nationalparks, erfahren wir. Aha. Nun gut.

Dafür landen wir in einem Urwald. Immer tiefer gehen wir steil den Berg hinunter, wobei wir eher klettern als gehen. Es wird immer feuchter, der Boden ist matschig. Gut, dass wir uns dieses Mal einer ortskundigen Führerin anvertraut haben, denn alleine hätten wir hier niemals hergefunden. Geschweige denn wieder heraus.

Der Urwald ist voll von Farnen, zweihundert verschiedene Arten gibt es hier. Vor einem dieser Exemplare stehen wir gerade. Wie alt dieser wohl ist? Wir tippen auf zwanzig Jahre. Naja, nicht ganz richtig. Bei seiner Größe von etwa sechs Metern ist dieser Farn ungefähr eintausendzweihundert Jahre alt.
Und dieser Farn gehört beiweitem nicht zu den größten hier.

Die Vegetation hier ist seit Ewigkeiten unverändert, so wie es hier aussieht, so stellt man sich die Vegetation zur Zeit der Dinosaurier vor, erklärt unsere Führerin. Und tatsächlich könnte man meinen, dass jetzt gleich einer um die Ecke gestampft kommt.

Vor ein paar Tagen wollten wir einen Park besuchen, in dem man Dinosaurier-Fußabdrücke bestaunen kann, aber leider war der Park genau an dem Tag geschlossen, als wir da waren. Halb so schlimm, denn hier sehen wir die Dinosaurier live. Zumindest in unserer Vorstellung.

Die Weiterreise

Ob wir aus Samaipata wieder wegkommen? Einem anderen Pärchen aus unserem Hostel ist das zumindest nicht auf Anhieb gelungen: Sie haben Tickets für einen Nachtbus gekauft und dann zur vereinbarten Zeit an der Straße außerhalb des Orts gewartet, mitten in der Nacht. Erstaunlicherweise kam der Bus dann irgendwann auch. Nur waren die Sitzplätze der beiden doppelt verkauft worden und waren somit bereits belegt. Und alle anderen Plätze waren ebenso belegt. Und selbst wenn sie Lust gehabt hätten, die ganze Nacht über zu stehen, wäre auch das nicht möglich gewesen, weil der Bus bereits komplett vollgestopft war.
Also saßen die beiden am nächsten Morgen wieder bei uns im Hostel am Frühstückstisch.

Aber wir haben mehr Glück: Etwas später sind wir in einer Art Sammeltaxi unterwegs und haben Samaipata bereits hinter uns gelassen.
Dann steigt ein Ehepaar ein, beladen mit Pfirsichen, die sie vermutlich auf einem Markt verkaufen wollen. Da die Pfirsiche nicht mehr ins Auto passen, werden sie auf dem Dach verstaut. Und das geht solange gut, bis der Fahrer zum ersten Mal scharf bremsen muss. Unter lautem Fluchen müssen die beiden nun mit ansehen, wie ihre Pfirsiche vom Dach rollen.

Land:Bolivien
Ort:Samaipata
Reisedatum:11.12.2018 - 14.12.2018
Autor:Manuel Sterk
Veröffentlicht:14.12.2018
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