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Bolivien
Potosí

Tote Schafe, Straßenblockaden und Münzen

Lesedauer: ca. 14 Minuten

Potosí ist die höchstgelegene Großstadt der Welt. Und dazu die reichste Stadt ganz Amerikas, zumindest war sie das einmal. Und sie gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Anlass genug also, sich diese Stadt anzusehen. Aber dann kommen wir nicht mehr weg: Proteste und Straßenblockaden legen die gesamte Stadt lahm. Dafür wird uns während unseres unfreiwillig verlängerten Aufenthalts einiges an vorweihnachtlichen Highlights geboten.

Die Begrüßung

Am Busterminal von Potosí werden wir von einem toten Schaf begrüßt, das an der Nachbarplattform darauf wartet, als Gepäck im nächsten Bus mitgenommen zu werden.

Eigentlich wollte Nadine noch kurz auf die Toilette gehen, bevor wir den Fußmarsch in die Innenstadt starten. Aber der Zustand der Toiletten hier scheint katastrophal zu sein, es ist alles vollgeschmiert mit, ähm, nun ja, jedenfalls lässt sie es dann bleiben.

Also gehen wir los. Zwei Kilometer sind eigentlich nichts. Aber wir befinden uns auf etwa viertausend Metern Höhe, es geht steil bergauf und die Sonne knallt auf uns herunter. Völlig erschöpft kommen wir oben an.

Im ersten Hostel, das wir finden, nehmen wir ein Zimmer. Wir haben keine Lust und auch keine Energie für eine längere Unterkunftsuche. Für umgerechnet knapp zwanzig Euro bekommen wir ein riesiges Zimmer mit Balkon und eigenem Bad.

Das Hostel liegt in einer Fußgängerzone. Also denken wir, dass es hier nachts ruhig ist. Weit gefehlt. Nach und nach werden am Abend unter unserem Balkon mobile Essensstände aufgebaut, der Geruch der Fritteusen dringt in unser Zimmer, halb Potosí versorgt sich hier mit Abendessen. Und dann öffnet gegenüber eine Bar ihre Pforten, bis tief in die Nacht werden wir mit lautem Reggaeton und Latin Rock versorgt.

Die Stadt

Aber wir sind schließlich nicht zum Schlafen hergekommen, sondern wir wollen uns die Stadt ansehen. Und das lohnt sich, Potosí ist eine wirklich hübsche Kolonialstadt.

Es gibt großzügige Plätze, enge Gassen, man kann problemlos ein paar Stunden damit verbringen, hier durch die Gegend zu schlendern.

Und das machen wir auch, wenn auch sehr langsam. Die Höhe macht uns ziemlich zu schaffen.

Der Weihnachtsumzug

Am Abend ist in Potosí die Hölle los. Die Autos stecken im Stau fest, von überall her hört man Trommeln und Trompeten, da müssen wir natürlich nachsehen, was da los ist: Ein Weihnachtsumzug.

Sämtliche Schulkinder Potosís müssen sich monatelang auf diesen Abend vorbereitet haben: In beeindruckenden Verkleidungen präsentiert sich jede Klasse hüpfend und tanzend in einem jeweils eigenen weihnachtlichen Motto. Die eine Schulklasse als Sterne, andere als Weihnachtsmänner, als Geschenke, als Tannenbäume und so weiter.

Das Abendessen

Die Auswahl an Restaurants und Cafés ist hier so dünn wie die Luft. Wir finden nichts. Zumindest nichts, wo es etwas anderes gibt als fettige Hähnchen oder frittierte Schnitzel.

Uns ist derart kalt, dass eine heiße Suppe jetzt das beste wäre. Aber wir finden nicht heraus, wo wir soetwas bekommen könnten. Aber dafür landen wir an einem Platz, wo an mehreren Ständen kochend heiße Säfte verkauft werden. Mit Zimt und Nelken versetzt, ein Glühpunsch also mitten in Bolivien. Perfekt.
Dazu gibt es fettiges Gebäck gegen den Hunger.

Die autofreie Stadt

Beim Frühstück am nächsten Morgen im Hostel werden wir gefragt, ob wir heute noch hier bleiben wollen oder abreisen. Unser Plan ist, dass wir heute nach Sucre weiterreisen. Aber das wird nicht gehen, erklärt man uns, denn heute werden die Straßen blockiert, es fahren keine Busse.
Echt jetzt?

Und tatsächlich: Wo gestern noch der Verkehrslärm tobte, sind heute Fußgänger auf den Straßen. Ganz Potosí ist eine Fußgängerzone. In den engen Gassen, wo man gestern noch höllisch aufpassen musste, nicht überfahren zu werden, kann man sich heute ganz unbeschwert bewegen. Die mehrspurigen Straßen und Plätze waren gestern kaum zu überqueren, heute läuft man einfach auf der Straße. Der Qualm der Busse und Autos ist weg, man kann unbeschwert atmen. Zumindest so unbeschwert, wie das auf viertausend Metern Höhe eben möglich ist. Und es ist angenehm ruhig, der infernalische Verkehrslärm fehlt, lediglich die in Lateinamerika omnipräsente Musikbeschallung sorgt für den passenden Soundtrack.

Potosí ist zu einer autofreien Stadt geworden, ein Traum!

Alle paar Blöcke sind Straßensperren errichtet, mal aus quergespannten Seilen, mal mit Fahnen oder Plakaten, mal stehen Bänke auf der Straße. Letzteres sollte man sich als Idee merken, falls bei uns doch einmal das Konzept einer autofreien Stadt umgesetzt werden sollte. Aber vermutlich werde ich das in diesem Leben leider nicht mehr erleben.

Jedenfalls genießen wir heute diese autofreie Stadt. Etwas anders bleibt uns auch gar nicht übrig, schließlich kommen wir hier nicht mehr weg. Zum Konzept einer autofreien Stadt sollte also ein funktionierender öffentlicher Nahverkehr gehören.

Aber hier geht es schließlich nicht um ein Zukunftskonzept für Mobilität in Städten, sondern um einen politischen Protest.
Wir fragen nach dem Hintergrund der Blockaden: Sie richten sich gegen den Präsidenten Boliviens, Evo Morales. Ein Gericht hat einer weiteren Kandidatur zugestimmt, was laut Verfassung eigentlich untersagt ist, und mit dieser Entscheidung ist das Volk nicht einverstanden, also wird protestiert.
Mir ist allerdings nicht ganz klar, warum man gegen eine Kandidatur protestiert, schließlich muss man den Kandidaten ja nicht wählen, aber vermutlich ist mein Verständnis von Demokratie anders als das in Bolivien gelebte Modell.

Die Ruhe

Wir wechseln das Hostel, in der Hoffnung, heute Nacht mehr Ruhe zu haben. Wir achten darauf, dass keine Bar in der Nähe ist und dass auch die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass hier Straßengrills eröffnen. Wir finden ein Hostel in einer engen Sackgasse und bekommen dort ein Doppelzimmer mit Balkon für umgerechnet kaum mehr als zehn Euro. Perfekt.

Draußen ist es hier tatsächlich ruhig, nur haben wir die anderen Gäste nicht einkalkuliert: Im Zimmer rechts neben uns läuft ein lauter Fernseher, links quäkt laute Musik aus einem Handylautsprecher, auf dem Sofa vor unserer Zimmertür hat es sich eine Holländerin gemütlich gemacht, die dort Panflöte spielen übt, und im Zimmer über uns werden Stahlkugeln über den Boden gerollt, zumindest hört es sich so an.

Die Münzprägeanstalt

Am Himmel tauchen die ersten Wolken auf, die wir sehen, seit wir diese Reise begonnen haben. Und kurz darauf regnet es, es blitzt und donnert. Perfekte Rahmenbedingungen also, um ein Museum zu besuchen.

In Potosí befand sich früher eine der bedeutendsten Münzprägeanstalten. Kein Wunder, wurden hier doch aus dem Cerro Rico, dem reichen Hügel, Unmengen an Silber abgebaut.

Und diese Münzprägeanstalt, die Casa Nacional de la Moneda, ist heute als Museum ausgebaut und kann im Rahmen einer Führung besichtigt werden.

Hier wird zunächst die Geschichte des Münzgeldes erklärt. Dabei lerne ich, woher das weltweit genutzte Dollar-Zeichen kommt. Interessant.

Danach können die technischen Geräte für die Münzprägung aus den einzelnen Epochen betrachtet werden, an ihrem originalen Einsatzort. Von durch im Kreis laufenden Eseln angetriebene Stanz- und Prägeeinrichtungen bis hin zu dampfgetriebenen Maschinen ist hier alles gut inszeniert aufgebaut, wirklich sehr beeindruckend.

Die Beleuchtungszeremonie

Schon seit wir in Potosí angekommen sind, werden in allen Straßen und auf allen Plätzen Unmengen an weihnachtlichen Beleuchtungselementen angebracht. Die Lichtemission dieser Beleuchtung dürfte der von ganz New York entsprechen, schätze ich. Wir hoffen, dass diese Beleuchtung noch eingeschaltetet wird, solange wir in Potosí sind, aber wir haben Pech.

Dafür wird die Fassadenbeleuchtung eines großen Gebäudes am zentralen Platz eingeweiht, vielleicht ist es das Rathaus, ich habe mich diesbezüglich nicht schlau gemacht.

Jedenfalls erfolgt diese Einweihung in einer mehrstündigen Zeremonie. Wir stoßen dazu, als gerade Tänze aufgeführt werden. Und dann wird ein Abuelito auf die Bühne gebeten, ein Großvater. Leider kann ich nicht verstehen, was er erzählt, denn er spricht Quechua, die indigene Sprache der Region. Aber alle um uns herum scheinen ihm folgen zu können.

Und dann kommt der Bürgermeister auf die Bühne, begleitet vom Comandante der Polizei. Die Sprache ist nun wieder Spanisch, also verstehe ich das welttragende Geschwafel, das er von sich gibt. Politiker sind eben Politiker, egal in welcher Weltregion, dieser Gedanke kommt mir in den Sinn.

Und jetzt kommt der große Augenblick: Die Moderatorin bittet das Publikum, von drei herunter zu zählen, und dann: die Beleuchtung an dem Gebäude wird unter allgemeiner Begeisterung angeknipst.
Nadine und ich scheinen die einzigen zu sein, die diese Beleuchtung, nun ja, als vielleicht ein wenig kitschig empfinden.

Das Busterminal

Am nächsten Morgen machen wir uns dann endgültig auf den Weg nach Sucre. Diese Stadt ist bekannt für ihre Schokolade, lese ich im Reiseführer, das klingt schon mal vielversprechend.

Aber zunächst müssen wir zum neuen Busterminal kommen. In Potosí ist es so wie in vielen anderen südamerikanischen Städten: Mitten in der Innenstadt oder wenigstens stadtnah gibt es ein Busterminal oder zumindest einen zentralen Platz, an dem alle Nah- und Fernbusse abfahren und sich die Ticketverkäufer hierfür befinden, dort ist es heruntergekommen, eng, chaotisch, aber man kommt problemlos hin.
Und dann wird irgendwann am Ende der Welt ein neues Terminal gebaut. Das aber nicht von allen Busunternehmen angefahren wird, einige bedienen weiterhin das alte Terminal, andere halten sonst irgendwo in der Stadt. Wenn man weg will, muss man also erstmal herausfinden, wo man hin muss.

In einem überfüllten Microbus fahren wir gefühlte Stunden zum neuen Terminal. Die Fahrt im öffentlichen Nahverkehr kostet hier umgerechnet nicht einmal zwanzig Cent, da sollte sich der Stuttgarter Verkehrsverbund mal ein Beispiel daran nehmen.

Und dann kommen wir am neuen Terminal an: Völlig überdimensioniert ist es, beinahe menschenleer, wir bekommen also völlig entspannt ein Ticket für einen der nächsten Busse nach Sucre und haben noch freie Platzwahl.
Aus den Lautsprechern tönt Live is Life.

Der transplantierte Magen

Der Bus füllt sich erst, als er irgendwo in der Stadt vor einer Imbissbude anhält. Das ist also das informelle Busterminal für diese Verbindung.

Und dann steigt eine Frau ein, die mit durchdringer Stimme einen halbstündigen Vortrag hält.
Zunächst dankt sie Gott für alles, für den neuen Tag, die Gesundheit, die Kinder und so weiter.

Und dann geht sie über auf das Thema Ernährung und Gesundheit. Nach einer längeren Einführung stellt sie die steile These auf, dass der Präsident und andere reiche Leute sich keine Gedanken um Ernährung und Gesundheit machen müssen, weil sie regelmäßig ihren Magen auswaschen lassen und zudem, sollten sie doch krank werden oder Krebs bekommen, sich einfach einen neuen Magen oder einen neuen Darm transplantieren lassen können.

Das normale Volk hat diese Möglichkeiten natürlich nicht. Aber kein Problem, denn sie bietet ein Wundermittel an, das ebenso gut den Magen reinigt wie die Methoden der Reichen und ebenso gut allen Beschwerden vorbeugt. Und anders als bei den Apotheken, die ja nur Profit machen wollen und zudem Steuern zahlen müssen, bietet sie dieses Mittel zu einem unschlagbaren Preis von nur zehn Boliviano an.

Einige unserer Mitreisenden, bei denen ich vermute, dass zehn Boliviano durchaus viel Geld für sie sind, greifen zu.

Land:Bolivien
Ort:Potosí
Reisedatum:05.12.2018 - 07.12.2018
Autor:Manuel Sterk
Veröffentlicht:07.12.2018
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Vermutlich ist mein Verständnis von Demokratie anders als das in Bolivien gelebte Modell, das habe ich in diesem Artikel geschrieben. Und so ist es. Ein knappes Jahr nach unserem Aufenthalt in Potosí und den dortigen Demonstrationen gegen die erneute Kandidatur Evo Morales finden in Bolivien die Wahlen statt. Morales erklärt sich nach dem ersten Wahlgang zum Sieger. Aus dem In- und Ausland wird ihm Wahlbetrug vorgeworfen, ganz offensichtlich nicht zu Unrecht. Wochenlange Proteste, mitunter gewalttätige, sind die Folge. Menschen sterben. Dann erklärt Evo Morales seinen Rücktritt und flieht ins Exil nach Mexiko.

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