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Nicaragua
Juigalpa - Bluefields - Pearl Lagoon - Chinandega

Vom Hurrikan zum Erdbeben

Lesedauer: ca. 23 Minuten

Von Juigalpa haben wir nichts Gutes gehört: Äußerst unfreundlich behandelt wird man hier als Tourist, erfahren wir, und dann wurde zu allem Überfluss auch noch das Handy geklaut.
Aber diese Stadt liegt direkt auf unserem Weg zur Karibikküste, und daher wollen wir uns das selbst einmal ansehen.

Die Fahrt dorthin verläuft jedenfalls recht problemlos: Wir nehmen einen Bus in die Hauptstadt Managua, können dort am selben Busterminal umsteigen in den nächsten Bus, dessen Fahrer nach etwa zwei Stunden mitten auf der Straße anhält und für uns einen weiteren Bus stoppt, der uns letztendlich direkt nach Juigalpa bringt.

Cowboys in Juigalpa

Mitunter könnte man meinen, wir wären in einem alten Western-Film gelandet, das Cowboy-Outfit der Männer hier ist wirklich beeindruckend. Jedenfalls ist zu uns niemand unfreundlich, eigentlich ganz im Gegenteil. Und mein Handy wird auch nicht gestohlen. Eine Woche später geht es zwar kaputt, aber das wird vermutlich nichts mit Juigalpa zu tun haben, denke ich.

Am zentralen Platz der Stadt läuft Reggeaton aus imposanten Lautsprecherboxen. Plötzlich, von einer Minute auf die andere, kommen Tausende an Vögel angeflogen und veranstalten einen unvorstellbaren Krach. Alles ist voll von ihnen, Bäume, Hausdächer, alles. Erst ein gutes Stück abseits vom Platz wird es wieder ein wenig ruhiger.

Wir unterhalten uns längere Zeit mit einer Straßenverkäuferin, deren Angebotspalette überwiegend aus Bonbons und Kaugummis besteht. Ein kleines Kind klaut ihr Süßigkeiten, aber als es sich von Nadine beobachtet fühlt, lässt es sein Diebesgut wieder fallen.

Wie alle in diesem Ort ist die Verkäuferin sehr interessiert, was wir hier so machen, offensichtlich verirren sich nur wenige Touristen nach Juigalpa. Tatsächlich sehen wir während unseres Aufenthalts hier auch nur eine einzige andere Ausländerin.

Zwei Nicaraguas

Die Kaugummi-Verkäuferin ist erstaunt darüber, dass wir an den Grillständen auf der Straße essen anstatt in Restaurants, dass wir die lokale Währung Córdoba in unserem Geldbeutel haben und nicht US-Dollar.

Das ist uns auch schon aufgefallen: Es gibt zwei verschiedene Nicaraguas. In dem einen Nicaragua fährt man in klimatisierten Shuttlebussen von einem touristischen Ziel zum nächsten, zahlt in US-Dollar, isst in Restaurants und verständigt sich auf Englisch.
In dem anderen Nicaragua quetscht man sich in Chicken-Busse, die nicht grundlos so heißen, zahlt in Córdoba nur einen Bruchteil der Dollar-Preise, isst an den Fritanga genannten Straßengrills und kommt mit Englisch nicht wirklich weit.

Es ist vermutlich nicht allzu schwer zu erraten, welches Nicaragua uns besser gefällt. Aber sehr viele Touristen, vor allem die US-Amerikaner, kennen nur das erste Nicaragua und haben offensichtlich auch keinerlei Interesse daran, das zweite Nicaragua kennen zu lernen. Jeder wie er mag.

Chicken Bus

Am nächsten Morgen hilft uns am Busterminal ein Donat-Verkäufer, den richtigen Bus zur Karibikküste zu finden.

Busfahren in Nicaragua ist ein ganz besonderes Vergnügen. Die meisten Busse sind alte, ausgemusterte Schulbusse aus den USA. Über den Sitzen stehen mitunter noch die Namen der früheren Schüler, die offensichtlich feste Plätze hatten. Davon kann man hier nur träumen, denn die Busse werden vollgestopft, bis wirklich kein Huhn mehr hinein passt.

Um so erstaunlicher ist, dass dennoch bei jeder Gelegenheit noch Verkäufer zusteigen. Hungrig und durstig muss man während so einer Busfahrt wahrlich nicht bleiben, und wer an einer Krankheit leidet, bekommt garantiert das passende Wunderheilmittel dagegen angeboten. In der Regel ist es so, dass an einem Ort immer mehrere konkurrierende Verkäufer einsteigen, die alle das Gleiche anbieten. Um möglichst als erstes bei den potentiellen Kunden zu sein, versucht jeder, sich möglichst schnell durch den Bus zu kämpfen. Da es sich bei den Verkäufern zumeist um Frauen mit einer wirklich beachtlichen Körperfülle handelt, kommt es dabei zu den absurdesten Situationen.
Einen weiteren Wettbewerbsvorteil versuchen sich diese Frauen zu verschaffen, indem sie mit möglichst lauter und durchdringender Stimme ihr Angebot in die Welt schreien. Was natürlich alle gleichzeitig machen.
Wer so etwas noch nicht selbst miterlebt hat, der wird sich vermutlich schwertun, sich so eine Busfahrt vorstellen zu können.

Ende des Straßennetzes

Nach knapp fünf Stunden Fahrt kommen wir in dem 150 Kilometer von Juigalpa entfernten Ort El Rama an. Man kann jedenfalls nicht behaupten, dass man in Nicaragua keine Zeit hat, sich während einer Busfahrt ausgiebig die Gegend anschauen zu können. Was in diesem Land nicht selten bedeutet, dass man einen Vulkan nach dem anderen sieht, wobei diese mitunter bedrohlich wirkenden Rauch in die Luft blasen.

In El Rama endet die Straße, ab hier geht es auf dem Fluss weiter. Mit kleinen Schnellboten, die Pangas genannt werden. Wir fragen uns zur Anlegestelle der Pangas nach Bluefields durch, unserem ersten Ziel an der Karibikküste.

Wir freuen uns, dass wir ganz weit oben auf der Warteliste für das Boot stehen, aber recht schnell finden wir heraus, dass das eigentlich kein Grund zur Freude ist: Um so länger müssen wir nämlich warten, bis alle Plätze gefüllt sind. Und so warten wir erst zwei Stunden an der Anlegestelle und dann nochmals eine halbe Stunde im Boot, und dann geht es endlich los.

Zwei Stunden fahren wir durch eine wunderschöne Flusslandschaft, aber so richtig genießen können wir die Fahrt nicht: Das Boot holpert in hoher Geschwindigkeit über die kleinen Wellen, so dass man kräftig durchgeschüttelt wird. Und dann fängt es auch noch an, heftig zu winden und zu regnen. Eine gemütliche Bootsfahrt stelle ich mir anders vor.

Bluefields

Kaum zu glauben, aber wir haben es tatsächlich geschafft, an der Karibikküste anzukommen. Allerdings wirkt die Stadt Bluefields nicht wirklich einladend, und zudem ist sie heute, am Sonntag, wie ausgestorben.

Wie schnappen uns das Lateinamerika-unerfahrene Pärchen aus München, das mit uns in dem Boot hierher gekommen ist, und gehen auf Unterkunftsuche. Die sich als schwieriger als erwartet herausstellt. Aber letztendlich finden wir etwas Passendes für alle.

Den Abend verbringen wir auf dem Balkon einer Bar, wo wir uns mit einem Kolumbianer und einem Nicaraguaner unterhalten. Das Erste, was den beiden zu unserer Heimat Deutschland einfällt, ist Adolf Hitler. Und zwar überaus positiv konnotiert.

Obwohl ich so etwas nicht zum ersten Mal erlebe, bin ich sprachlos.

Der Krankenschaukelstuhl

Auch am nächsten Tag gefällt uns Bluefields nicht, und außerdem ist das Wetter ziemlich unangenehm, es ist kalt und windig, gute Gründe also, weiterzuziehen. Mittwochs fährt laut unseren Informationen ein Boot zu den Corn Islands. Nach allem, was wir gehört haben, sind das traumhafte Bilderbuch-Karibikinseln, und deshalb wollen wir dahin. Die Corn Islands liegen ein gutes Stück von der Küste entfernt, so weit, dass man eigentlich eher fliegt. Aber wir haben uns für die Anreise per Boot entschieden.

Die Zeit bis dahin wollen wir nicht in der Stadt Bluefields verbringen, sondern lieber in dem kleinen Ort Pearl Lagoon, zu dem die Beschreibung in unserem Reiseführer sehr verlockend klingt. Also erkundigen wir uns nach den Booten dorthin und machen uns auf den Weg zur Anlegestelle. Ungefähr zwei Stunden später ist das Boot voll genug, dass wir losfahren. Eigentlich war es schon eine Stunde früher voll, aber eben noch nicht voll genug. Erstaunlich, wie viele Leute man in ein so kleines Boot quetschen kann.

Mit uns im Boot ist ein Belgier, der einen etwas aufwändigeren Weg nach El Rama auf sich genommen hat als wir: Er wollte nicht so lange Bus fahren, was ich übrigens sehr gut nachvollziehen kann, und ist stattdessen quer durch den Dschungel gereist, wie er es nannte, zu Fuß, mit Ochsen, Pferden, in LKWs, ausgestattet mit einem Zelt. Ich komme mir vor wie ein Luxusreisender.

Während wir in dem Boot warten, eingepackt in extrem eklig stinkende Schwimmwesten, kommt ein Zeitungsverkäufer vorbei. Ich lese nur die Schlagzeile: Der Vulkan Masaya spuckt Haarbüschel aus. Vielleicht habe ich das mit den Haarbüscheln falsch verstanden, aber es klingt in jedem Fall recht beunruhigend, wenn ein nahegelegener Vulkan irgendetwas ausspuckt. Ein paar Tage zuvor waren wir auf genau diesem Vulkan, am Kraterrand, und haben die glühende, pulsierende Lava im Inneren bestaunt. Bis uns von dem Schwefeldampf schwindelig geworden ist. Gut, dass wir das noch sehen durften, denn jetzt wird das vermutlich nicht mehr möglich sein, wenn einem dort vulkanische Haarbüschel um die Ohren fliegen.

Jedenfalls, die Bootsfahrt von El Rama nach Bluefields war schon unangenehm, aber diese hier ist schrecklich. Es geht nicht einen Fluss entlang, sondern über extrem unruhiges Meer. Das Boot schanzt über jede Welle in ein tiefes Loch. Wir sitzen vorne im Boot, wo sich jeder Aufprall anfühlt, als fliege man ungebremst vom ersten Stock eines Hauses auf die Straße. Fast zumindest. Nadine hat das Gefühl, ihr Körper bricht auseinander. Wir schaffen es, den Bootsfahrer zum Anhalten zu bringen, und organisieren die Sitzplätze etwas um, so dass Nadine weiter hinten sitzen kann. Trotzdem, viel hilft es nicht, als wir nach einer Stunde endlich ankommen, ist sie fix und fertig und hat heftigste Schmerzen.

Ein alter Mann wird in einem Schaukelstuhl von mehreren jungen Männern über den Bootssteg getragen, es sieht aus, als sitze er auf einem Thron. Vielleicht war er zu einem Arztbesuch in Bluefields, vermuten wir. Anschließend wird der Mann in seinem Schaukelstuhl sitzend auf die Ladefläche eines Pick-Up gestellt und so nach Hause gefahren.

Pearl Lagoon

Wir sind zwar noch im selben Land, aber sind trotzdem in einer anderen Welt angekommen. Andere Menschen, andere Sprache, anderes Essen.

Hier leben überwiegend Schwarze, die überwiegend Englisch sprechen, oder zumindest so etwas ähnliches wie Englisch. Oder auch nicht, manche Leute sprechen auch hier nur Spanisch. Einige dafür beide Sprachen. Sehr verwirrend.
Zunächst gewöhnen wir uns recht schnell daran, hier in Englisch statt wie bisher in Spanisch zu kommunizieren. Aber dann werden wir in einem Comedor, so werden in Nicaragua die kleinen, einfachen Restaurants genannt, von der Bedienung geflissentlich ignoriert. Bis wir auf Spanisch nachfragen, ob wir etwas zu essen bestellen können. Die junge Frau ist sichtlich erleichtert, dass wir Spanisch verstehen, und kümmert sich nun zuvorkommend um uns. Offensichtlich wusste sie nicht, wie sie mit uns vermeintlich nur Englisch sprechenden Touristen umgehen soll, und hat daher besser einen großen Bogen um uns gemacht. Was in dem nahezu leeren Restaurant eine beachtenswerte Leistung ist.
Seitdem versuchen wir immer erst mal herauszufinden, welche Sprache denn gerade die richtige ist, und kommen so in dem babylonischen Wirrwarr ganz gut zurecht.

In unserem Reiseführer steht über Pearl Lagoon folgender Satz: „You can feel the stress roll off your shoulders as soon as you get off the boat from Bluefields.“
Und tatsächlich, Pearl Lagoon und die Menschen hier als tiefenentspannt zu beschreiben, das wäre eine maßlose Untertreibung. Wenn wir ein paar Tage länger hier geblieben wären und uns an die Lebensgeschwindigkeit hier gewöhnt hätten, wir wären vermutlich niemals mehr weggekommen.

Aber dazu wird es nicht kommen.

Keine guten Nachrichten

Wir gehen Lebensmittel einkaufen in eine Pulpería, einen Tante-Emma-Laden. Über dem Verkaufstresen läuft ein Fernseher, was eigentlich nicht erwähnenswert ist, denn in Lateinamerika läuft immer und überall ein Fernseher. Und in diesem hier werden gerade Nachrichten gezeigt. Ich schaue ein wenig hin und bekomme so zum ersten Mal mit, dass gerade ein Hurrikan namens Otto über der Karibik wütet. Die Hurrikan-Saison ist eigentlich längst vorbei, aber das scheint Otto nicht zu stören, er bewegt sich langsam aber sicher auf die südliche Karibikküste Nicaraguas zu.

Damit erklärt sich also das stürmische Wetter in Bluefields. Gut, dass wir nun ein wenig weiter in den Norden gefahren sind. Ob das weit genug war, das wird sich noch herausstellen.

Ein Pärchen aus Tübingen, das wir vor einigen Tagen in der Bergregion Nicaraguas kennengelernt haben, ist auf die Corn Islands geflogen. Sie schreiben uns per Whatsapp, wir sollten unsere Reisepläne bezüglich Corn Islands nochmal überdenken, denn dort ist das Wetter extrem ungemütlich. Außerdem fahren keine Boote mehr. Und der Flugverkehr wird wohl auch demnächst eingestellt.

Die Telekom-Hotline

Wir wollen über das Internet mehr über Otto herausfinden. Aber dummerweise haben wir kein Internet mehr. Wir sind nun genau einen Monat in Nicaragua, und vermutlich ist soeben das Monats-Datenpaket meiner nicaraguanischen SIM-Karte abgelaufen. In unserer Unterkunft gibt es kein WLAN, und so richtig Lust, durch das Dorf zu laufen, um vielleicht irgendwo einen Internet-Zugang zu finden, haben wir nicht. Also vertagen wir alles auf morgen und suchen erst mal einen Comedor für unser Abendessen.

In der Nacht ist es extrem windig. Die Äste eines Baums kratzen am Dach unseres Zimmers. Immer wieder knarzt es bedrohlich. Hoffentlich hält alles, denken wir.

Am nächsten Tag gehen wir in den Claro-Laden, um mein Handy-Guthaben aufzuladen. Wir haben nun wieder Internet. Damit setzen wir uns in eine Bäckerei, deren Besitzer so aussieht, wie ich mir die Rastafaris auf Jamaika vorstelle, und der uns seine Erkenntnisse über die Zusammenhänge des kreolischen Englisch und der deutschen Sprache darlegt.

Unsere Internet-Recherche über Otto ergibt folgendes Bild: Der Hurrikan wird immer stärker und zieht von der Karibik über das Land bis in den Südwesten an den Pazifik, wo er am kommenden Wochenende erwartet wird. Sogar der Norden des Nachbarlandes Costa Rica wird erwischt werden, was ungewöhnlich ist, denn Cosa Rica bleibt normalerweise von Hurrikans verschont. Für Costa Rica sind das natürlich keine guten Aussichten, für uns aber hat es den positiven Nebeneffekt, dass auch internationale Medien über den Hurrikan berichten. Nicaragua liegt gewöhnlich im toten Winkel des Weltinteresses, und es muss schon viel passieren, dass über Geschehnisse in Nicaragua berichtet wird. Costa Rica hingegen scheint schon eher auf der Landkarte der Medien zu existieren.

Und dann ist mein Internet wieder weg. Verflixt.

Ich finde heraus, dass die Aktivierung des Datenpakets nicht funktioniert hat, obwohl ich genug Córdoba aufgeladen habe. Der Grund scheint zu sein, dass unmittelbar nach dem Aufladen automatisch irgendein Social-Media-Paket aktiviert wurde und einen Teil meines Guthabens aufgefressen hat. Ich kann nun rund um die Uhr in Whatsapp chatten, unendlich viel Blödsinn auf Facebook verbreiten und mit dem frisch gewählten US-Präsidenten um die Wette twittern, aber der Rest des Internets steht mir nur megabyteweise zu übertriebenen Preisen zur Verfügung, und die haben nun mein übrig gebliebenes Guthaben verschlungen. Mir ist nicht klar, wie ich das automatische Social-Media-Paket loswerde und dafür ein richtiges Datenpaket aktivieren kann.

Also gehen wir wieder in den Claro-Laden. Der Mann dort kann mir leider nicht weiterhelfen, aber er ruft für mich die Hotline an. Ihm gelingt es nicht, dem Hotline-Mitarbeiter mein Problem begreiflich zu machen, wobei er sich aber auch keine allzu große Mühe dabei gibt, also drückt er mir kurzerhand den Telefonhörer in die Hand. Ich könne die Sache sicherlich am besten selber klären, meint er. Sehr witzig. Meine Spanischkenntnisse reichen zwar aus, um ein wenig Smalltalk zu betreiben, eine telefonische Diskussion über die Aktivierung diverser Aktionspakete eines Handy-Vertrags überfordert mich hingegen deutlich. Andererseits gelingt es mir oftmals auch in Deutschland nicht, einem Hotline-Mitarbeiter ein technisches Problem verständlich zu machen, und da kommuniziere ich in meiner Muttersprache. Jedenfalls bekomme ich rege Anteilnahme von den anderen Kunden im Laden, die mitbekommen, wie ich stammelnd in rudimentärem Spanisch über GSM-Codes und andere verhexte Sachen spreche, aber der Claro-Mitarbeiter ist wohl der Ansicht, dass ich das schon irgendwie hinbekommen werde, und kümmert sich um andere Dinge.

Das Waschbrett

Wir streichen wegen Otto unsere Corn-Island-Pläne und bleiben erst mal hier. Es ist zwar ein wenig windig, aber ansonsten ist das Wetter recht schön, und noch hoffen wir, dass der Hurrikan vielleicht südlich an uns vorbei zieht.

Allerdings haben wir keine saubere Wäsche mehr, wir müssen also waschen. Die Waschmaschinen sind leider nicht funktionsfähig, das Stromnetz packt solche Geräte nicht, erklärt man uns, aber es gäbe ein großes Waschbecken mit einem Waschbrett und ausreichend Seife.

Man würde für uns das Waschen übernehmen, bekommen wir angeboten, aber dieses Angebot lehnen wir ab und probieren es selber.
Nun ja. Wer einmal an einem Waschbrett einen Rucksack voll Klamotten gewaschen hat, der wird zeitlebens daran denken, immer wenn er an der heimischen Waschmaschine den Start-Knopf drückt.

White People

Wir machen einen Spaziergang zu einem anderen, noch kleineren Dorf, etwa zwei Kilometer entfernt. Zunächst gelangen wir durch ein Sumpfgebiet, in dem auf Stelzen gebaute Hütten stehen. Alles würde wirklich wunderschön aussehen, wenn es nicht vollkommen zugemüllt wäre.

Der Weg in das Nachbardorf ist erstaunlicherweise sogar geteert, aber über lange Strecken ist er vollständig überflutet.

Eine Frau steht im Wasser und wäscht Wäsche.
Wir sind also nicht die einzigen, die das heute machen. Genaugenommen scheinen alle Frauen des Dorfs am Wäschewaschen zu sein, in Flüssen, an Wasserpfützen, überall, und sogar die Männer sind aktiv, sie befestigen wackelige Zäune, holen Materialien von Baustellen, die dort vermutlich schon lange Zeit herumliegen, und packen herumstehende Gegenstände in Planen ein. Ganz offensichtlich sind die Einwohner hier nicht so optimistisch wie wir, was den Hurrikan betrifft, und treffen letzte Vorbereitungen.

Wir kommen im Nachbarort an, der nur aus ein paar einfachen Hütten besteht. Ein paar Fischerboote stehen einsatzbereit herum, alles recht idyllisch also - wenn es nur nicht so zugemüllt wäre.

Touristen verirren sich wohl nur äußerst selten hierher, wir werden von allen neugierig beobachtet. Ein Kind kann kaum fassen, was es da gerade sieht, und schreit laut: „White people! White people!“

Der Affe und die Familienfotos

Das Wetter ist mittlerweile nicht mehr wirklich schön. Wir befürchten, dass es bald zu regnen beginnt, und wollen rechtzeitig unsere Wäsche von der Leine holen. Also treten wir den Rückweg an.

Die neuesten Informationen über Otto sind, dass der Hurrikan demnächst die Küste erreichen wird, und zwar etwas weiter nördlich als zunächst angenommen, so dass wir in Pearl Lagoon voll erwischt werden.

Nichts gegen Abenteuer, aber es ist erst ein halbes Jahr her, dass wir in Ecuador von einem verheerenden Erdbeben überrascht wurden, das um uns herum zu erheblichen Zerstörungen und unzähligen Todesopfern geführt hat. Wir haben seitdem einen gewaltigen Respekt vor Naturkatastrophen, also wollen wir lieber vor dem Eintreffen des Hurrikans aus seiner Schussbahn gelangen.

Als Fluchtziel bleibt uns nach aktuellen Prognosen nur der äußerste Nordwesten des Landes, die Pazifikküste dort soll vom Hurrikan nicht getroffen werden. Das bedeutet: Noch einmal quer durchs ganze Land, diesmal von der südlichen Karibikküste zur nördlichen Pazifikküste.

Wir finden heraus, dass es noch eine andere Möglichkeit gibt, von hier wegzukommen, als mit dem Boot. Ein Bus fährt täglich über eine Schotterpiste nach El Rama. Er braucht für die rund 80 Kilometer knapp fünf Stunden.
Egal, alles ist besser als nochmal so eine Bootsfahrt. Falls überhaupt noch Boote fahren würden.

Der Bus fährt morgen früh um halb sechs los. Oder um sechs. Oder um sieben. Je nachdem, wen man fragt, bekommt man unterschiedliche Auskünfte.

Jedenfalls gehen wir nun ein letztes Mal in unseren Stamm-Comedor essen. Dort gibt es einen Affen, der angeleint sein Dasein fristet, aber heute ist er gar nicht angeleint, sondern die Chefin trägt ihn auf ihrer Schulter. Er hat Angst vor dem Sturm, erklärt sie uns.

Während wir auf unser Essen warten, betrachten wir die überall aufgehängten Familienfotos. Familienfotos wirken ja grundsätzlich auf Außenstehende zumeist ziemlich verstörend, aber die nicaraguanische Variante setzt diesem Fotogenre die Krone auf: Die fotografierten Personen werden dabei vor einem möglichst kitschigen Motiv gezeigt, am liebsten vor einem Wasserfall. Die Aufnahmen hierzu werden vor einer entsprechenden Fototapete gemacht, gerne sitzen die Protagonisten auf Stühlen, die vor diese Fototapeten gestellt werden. Alternativ werden die Hintergrundmotive auf möglichst unprofessionelle Weise in das Foto hinein gephotoshopt.

Die Flucht

Um fünf Uhr morgens gehen wir zum Baseball-Feld, wo wir die Abfahrtsstelle des Busses vermuten. Es amüsiert uns immer wieder, wenn wir lesen, wie Baseball in Nicaragua geschrieben wird: Beisbol.

Hier stehen sogar zwei Busse, einer fährt angeblich direkt nach Managua, aber später, und einer nach El Rama, und zwar jetzt, und laut Busfahrer wären wir viel schneller in Managua, wenn wir mit ihm mitfahren würden und dann in El Rama nach Managua umsteigen. Also machen wir das so.

Knapp fünf Stunden holpern wir über eine Schotterpiste. Ich bin mir noch nicht sicher, ob diese Busfahrt jetzt wirklich angenehmer ist als die Bootsfahrt. Es fühlt sich ungefähr so an, wie wenn man fünf Stunden lang nonstop mit der Holzachterbahn im Europark fahren würde. Aber immerhin ist dieser Bus die meiste Zeit angenehm leer.

Nach dem Sumpfgebiet kommt dichter grüner Dschungel, landschaftlich ist es eine sehr schöne Strecke. Immer wieder steigen Arbeiter mitten im Nichts ein oder aus, vermutlich sind überall in der Nähe Plantagen. Wir kommen durch kleine Dörfer, die jeweils aus wenigen, sehr einfachen und ärmlich wirkenden Holzhäusern bestehen.

Und irgendwann kommen wir tatsächlich in El Rama an. Allerdings fährt dort der nächste Bus nach Managua erst heute Abend, in acht Stunden, erfahren wir. Wir sollen aber schon mal einsteigen. Ganz tolle Idee.

Wir treffen ein nicaraguanisches Ehepaar, das auch nach Managua will, und gemeinsam suchen wir den Ort nach einer Reisemöglichkeit ab. Und tatsächlich finden wir irgendwann einen Bus, der zumindest nach Juigalpa fährt, dort werden wir dann weitersehen.

Also nochmal Juigalpa. Der Ort hat sich nicht verändert, außer dass auf dem zentralen Platz statt Reggeaton jetzt Weihnachtslieder gespielt werden. Wir begrüßen unsere Kaugummi-Verkäuferin und buchen uns im selben Hotel ein wie vor ein paar Tagen. Wir wollen erst morgen weiterreisen, für heute haben wir genug vom Busfahren.

Wir erfahren, dass wir genau rechtzeitig von der Karibikküste geflohen sind: ein paar Stunden nach unserer Abreise wurde Pearl Lagoon wegen des Hurrikans evakuiert.

Das Erdbeben

Mittlerweile haben wir sogar eine Idee, wo wir jetzt hinwollen: Jiquilillo ist ein Ort an der Pazifikküste, weit im Norden des Landes, also möglichst weit von Otto entfernt. Laut Reiseführer ist dieser Ort touristisch noch kaum entwickelt, das klingt eigentlich ganz gut.

Also fahren wir am nächsten Morgen zunächst in die Hauptstadt Managua. An dem Busterminal dort finden wir heraus, dass wir nun zu einem anderen Busterminal müssen, quer durch die Stadt. Die Taxifahrer verlangen dafür von uns ganz offensichtlich Touristenpreise, und es erfordert einige Mühe, den Betrag auf eine einigermaßen akzeptable Summe herunterzuhandeln.

Und dann kommen wir nach einer weiteren Busfahrt in Chinandega an, unserem letzten Zwischenstopp vor der Pazifikküste.

Es dauert einige Zeit, bis wir herausfinden, wo und wann die Busse nach Jiquilillo abfahren, aber letztendlich haben wir aus den verschiedenen abweichenden Informationen, die wir bekommen, die herausgefiltert, die wir für am wahrscheinlichsten halten.

Uns bleiben nun noch zwei Stunden Zeit und wir gehen solange in eine der Café- und Essensbuden am zentralen Platz der Stadt. Dort spricht uns ein fünfzehnjähriges Mädchen an, sie würde gerade Englisch lernen und möchte gerne die Gelegenheit nutzen, mit uns ein wenig zu üben. Wir antworten, dass sie mit uns eher Deutsch üben könnte, aber es ergibt sich trotzdem eine nette Unterhaltung, auch mit ihren Eltern zusammen, auf Spanisch.

Plötzlich wackelt alles.

Ein Erdbeben! Das darf doch wohl nicht wahr sein, da flüchten wir vor einem Hurrikan und werden nun von einem Erdbeben empfangen.

Jetzt sollten wir wohl besser nicht weiter nach Jiquilillo fahren, werden wir aufgeklärt, denn wenn man in Chinandega ein Erdbeben spürt, dann herrscht an der Küste höchstwahrscheinlich akute Tsunami-Gefahr.

Und tatsächlich erfahren wir kurz darauf, dass Jiquilillo gerade wegen einer Tsunami-Warnung evakuiert wird. Wir bleiben also erst mal hier, wo lediglich die Erde bebt.

Land:Nicaragua
Ort:Juigalpa - Bluefields - Pearl Lagoon - Chinandega
Reisedatum:19.11.2016 - 24.11.2016
Autor:Manuel Sterk
Veröffentlicht:29.07.2018
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