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Kolumbien
El Valle

Das Geisterhaus

Lesedauer: ca. 13 Minuten

Zwei Tage für fünfzig Kilometer - eine atemberaubende Reisegeschwindigkeit. Wir möchten von Termales nach El Valle, etwa fünfzig Kilometer Luftlinie weiter nördlich an der Pazifikküste. Um kurz nach sechs Uhr morgens startet das Boot von Termales nach Nuquí, wo wir dann eigentlich genug Zeit hätten, in das nächste Boot nach El Valle umzusteigen. Aber eben nur eigentlich: Die Fahrpläne sind so ausgeklügelt, dass man das Boot in Nuquí definitiv nicht mehr erwischen kann, weil es ebenfalls um sechs Uhr morgens startet. Immerhin sind wir diesmal gut informiert und wissen, an welchen der beiden Tage in der Woche das Boot fährt. Wir müssen also nur einen knappen Tag warten, bis es weitergeht.

Fast hätten wir das Boot nach El Valle doch noch verpasst, wenn man uns nicht rechtzeitig darauf hingewiesen hätte, dass das Boot nicht von der Bootsanlegestelle abfährt, sondern von einem Haus an der Hauptstraße des Ortes, hinter dem versteckt der Fluss vorbeifließt. Abends gehen wir dort hin, damit wir Plätze im Boot reservieren können und somit morgen früh garantiert nichts schiefläuft.

Ohne Taschenlampe

Plötzlich: Stromausfall. Im Nuquí ist es stockfinster.

Die Tante-Emma-Läden, die in Kolumbien zumeist gleichzeitig als Bar fungieren, stellen ein paar Kerzen auf und der Betrieb geht weiter. So ein Stromausfall ist jedenfalls nichts, was irgendjemanden großartig stören oder irgendwelche Probleme verursachen würde. Außer für uns: Wir haben weder unsere Handys noch eine Taschenlampe dabei und wollten eigentlich in unser Hotel zurück, das ein wenig außerhalb des Dorfs liegt. Also tasten wir uns in der wirklich sehr dunklen Nacht Richtung Hotel vorwärts. Zahlreiche Glühwürmchen begleiten uns.

Wasser

Am nächsten Morgen: Gewitter. Heftiger Regen. Und wir befinden uns mitten auf dem Meer, in einem wirklich kleinen Boot. Eineinhalb Stunden dauert die Fahrt von Nuquí nach El Valle, und es ist kaum zu glauben, wie nass man in eineinhalb Stunden werden kann.

Das Begrüßungskomitee von El Valle besteht aus einer Gruppe an schnatternden Gänsen, die auf einem Misthaufen am Ortseingang sitzen. Wir helfen noch, das Boot an den Strand zu schieben, und hoffen dann, dass wir möglichst schnell eine Möglichkeit finden, uns umzuziehen und zu trocknen.

Bereits das zweite Haus ist eine Bäckerei, tropfend treten wir ein und fragen, ob es ein Badezimmer gibt, in dem wir uns umziehen können. Ja, gibt es, und es gibt zudem einen heißen Kaffee und etwas zu frühstücken. Wir haben also wirklich Glück.

Unterdessen geht der heftige Regen unverändert weiter. Der Himmel ist dunkelgrau, kein Anzeichen von einem Aufklaren. Wenn man uns jetzt sagen würde, dass wir etwas später in der Sonne sitzen, danach einen wunderschönen Sonnenuntergang am Strand erleben und später auf der Brücke über dem Fluss einen traumhaften Sternenhimmel betrachten würden, wir würden es wohl kaum glauben. Aber genau so wird es sein.

Jedenfalls verbringen wir den gesamten Vormittag in der Bäckerei und warten, dass der Regen aufhört oder zumindest ein wenig schwächer wird. In dieser Zeit sehen wir einige ausländische Touristen im Dorf, so viele, wie wir die gesamte übrige Zeit an der Pazifikküste zusammengenommen nicht gesehen haben. Hier muss irgendwo ein Nest sein.

Die Baustelle

Wir begeben uns auf Unterkunftssuche Richtung Playa Almejal, wo es angeblich die meisten Unterkünfte geben soll. Irgendwie gefällt es uns hier gar nicht. Die meisten Unterkünfte sind große Strand-Resorts. Wer darauf steht, wird sich hier wohlfühlen, wir aber nicht. Am Ende des Strands soll es laut Reiseführer ein hippes Hostel geben, das von einem US-Amerikaner geführt wird. Nein danke.

Wir gehen daher zurück und versuchen, vom Strand entfernt eine Unterkunft zu bekommen. Und dann landen wir in einem eigentlich wirklich schönen, aber leider heruntergekommenen Holzhaus, das direkt an den Dschungel grenzt. Sogar Affen soll man von hier aus beobachten können. Auch wenn das Haus wie ein vor langer Zeit verlassenes Geisterhaus wirkt, nehmen wir das Zimmer hier. Es wird für uns hergerichtet, eigentlich ist also alles perfekt.

Eigentlich. Die Probleme beginnen einige Zeit später damit, dass es im Badezimmer kein Wasser mehr gibt. Wir bekommen stattdessen einen Eimer Wasser hingestellt, als angeblich temporäre Lösung. Als nächstes fliegen uns Fledermäuse um die Ohren, im Wortsinn. Und dann entdecken wir, dass es hier kleine Holzspäne von der Decke regnet, direkt ins Gesicht, wenn wir im Bett liegen.

Am nächsten Morgen wechseln wir die Unterkunft. Umziehen müssten wir sowieso, weil der Besitzer heute mit Renovierungsarbeiten in dem Haus beginnen will. Die sind wahrlich dringend notwendig. Jedenfalls besitzt er ein weiteres Haus um die Ecke, das wir uns nun ansehen.

Dieses Haus ist perfekt. Ganz oben befindet sich ein großer überdachter Aussichtsbereich mit Hängematten, mit Blick ins Grüne und aufs Meer, es gibt zwei große und recht moderne Badezimmer, unser Zimmer ist sehr hell und luftig mit Fenstern auf zwei Seiten und einem Balkon, vor dem Zimmer befindet sich ein großer Gemeinschaftsbereich, der offen in einen weiteren Balkon mit Sitzgelegenheiten übergeht. Und zudem wären wir die einzigen Gäste, wir hätten also das ganze Haus für uns.

Es gibt nur ein einziges Problem: das Haus ist eine Baustelle. Es wurde gerade frisch gestrichen, überall riecht es nach Lack. Und der Aussichtsbereich ist mit Zeug voll gestellt anstelle der Hängematten. Und die Sitzgelegenheiten gibt es auch noch nicht. Und die Badezimmer sind von den Bauarbeiten vollkommen verdreckt, eigentlich ist alles ziemlich dreckig. Die Matratze in unserem Bett ist uralt und wohl kaum mehr verwendbar. Der Besitzer verspricht uns, sich um alles zu kümmern, und ich weiß nicht, woher wir den Optimismus nehmen, jedenfalls glauben wir ihm und nehmen dieses Baustellenzimmer. Wir werden sehen.

Und tatsächlich tut sich im Laufe des Tages einiges. Der Aussichtsbereich wird aufgeräumt, Hängematten werden organisiert, unser Zimmer wird mit einer neuen Matratze und einem Moskitonetz ausgestattet und sogar die Billardkugel-Sitze aus dem anderen Haus werden hergeschafft. Eine Putzfrau beseitigt zumindest die von uns genutzten Räume von Dreck - und am Ende haben wir eine wirklich wohnliche Unterkunft. Im oberen Badezimmer gibt es zwar kein Wasser, aber egal, im unteren funktioniert es.

Doch plötzlich macht es plopp. Die Armatur der Dusche schießt aus der Wand und Wassermassen hinterher. Alles kein Problem, sagt man uns.

Unser Nachbar

Es ist heute unglaublich warm. Und zudem herrscht eine enorme Luftfeuchtigkeit, noch intensiver als die letzten Tage. Unsere gestern bei der Bootsfahrt durchnässten Klamotten sind immer noch nicht trocken, dafür sind unsere trockenen Klamotten jetzt ebenfalls feucht. Wir wünschen uns, dass wir wenigstens für kurze Zeit dieses Dampfbad verlassen können, aber irgendwie finden wir den Ausgang nicht.

Der Besitzer unserer Unterkunft, Hanibal, hat einen älteren Nachbarn, den er schlichtweg Nachbar nennt, also spanisch Vecino. Und umgekehrt. Dieser Nachbar sitzt die ganze Zeit vor der Haustür und gibt fröhliche Kommentare von sich. Da wir ja jetzt gegenüber wohnen, werden nun auch wir Vecinos genannt. Seine Frau führt ein Wohnzimmer-Restaurant, wo wir heute zu Abend essen werden und nun schon mal das Essen vorbestellen.

Gegen später versammelt sich bei unserem Vecino eine bunt gemischte Gruppe vor dem Haus, ein paar Touristen, die dort wohnen, der Maler, der heute in unserem Haus aktiv war, genannt Indio, und ein paar Jungs aus dem Dorf. Es fließt einiges an Bier und noch mehr an Biche, einem billigen Zuckerrohrschnaps, der in dieser Region gerne getrunken wird. Unser Vecino ist offensichtlich schon länger aktiv, man versteht ihn kaum mehr und er hat Mühe, sich auf seinem Stuhl zu halten, aber er ist wie immer sehr fröhlich. Wir gesellen uns zu dieser Runde und verbringen dort den Abend.

Es stimmt wirklich: über ein Land erfährt man kaum etwas, wenn man sich seine Sehenswürdigkeiten anschaut, dafür aber umso mehr, wenn man mit seinen Einwohnern zusammen ein paar Bier trinkt.

Ein trockener Tag

Heute ist in Kolumbien ein sogenannter trockener Tag: es herrscht striktes Alkoholverbot, weil morgen Wahlen stattfinden. Der Effekt dieses Alkoholverbots ist, dass heute genauso viel wie an jedem anderen Tag getrunken wird, jedenfalls soweit wir das beurteilen können. Und entgegen unserer Erwartungen (und Alkoholverbotstag-Erfahrungen aus anderen Ländern) haben wir keinerlei Probleme, Biernachschub für unsere Vecino-Runde zu organisieren. Die kolumbianische Variante eines Alkoholverbots also.

Leiser Dschungel, lautes Dorf

Den nächsten Vormittag verbringen wir auf eine sehr angenehme Art: Wir lassen uns in einem Kanu einen kleinen Fluss entlang paddeln, den Rio Tudó. Um uns herum tiefster Dschungel. Die Bäume mit ihren paddelartigen Wurzeln reichen ins Wasser hinein, die Baumstämme sind mit unzähligen Pflanzen zugewachsen, grüner geht es eigentlich nicht.

Irgendwann geht unsere Kanutour leider zu Ende und das Plätschern der Paddel wird abgelöst durch die laute Musik, die in El Valle an jeder Straßenecke aus beeindruckenden Lautsprecherboxen dröhnt. Es ist wirklich erstaunlich, dass mitunter in den ärmlichsten und heruntergekommensten Hütten eine Soundanlage steht, die problemlos ein mittelgroßes Open-Air-Festival beschallen könnte. Ich glaube, dass die Dauerpräsenz von Musik viel mit der Fröhlichkeit der Menschen hier zu tun hat. Oder umgekehrt.

Baumtomaten und Wahlergebnisse

Zeit für ein Mittagessen. Wir entscheiden uns für einen Obstsalat. Es ist kaum zu glauben, wie viele Obstsorten es in Kolumbien gibt, von denen ich vorher noch nie etwas gehört habe: Guanabana, Lulo, Tomate de Arbol (Baumtomate) und was weiß ich noch alles. Die Fruchtsäfte, die in den Restaurants zum Essen gereicht werden, sind jedes Mal eine Überraschung. Die Küche Kolumbiens ist nun wahrlich nicht sterneverdächtig, im Gegenteil, aber wenn es um Obst geht, dann ist Kolumbien für mich das Traumland schlechthin.

Alle Einwohner von El Valle halten sich heute Abend an dem zentralen Dorfplatz auf. Ob dort die Wahlergebnisse gefeiert werden oder ob man ungelegene Wahlergebnisse durch Alkohol erträglicher machen möchte - oder ob sich hier völlig unabhängig davon jeden Sonntag das ganze Dorf trifft und der noch von der vergangenen Woche übrig gebliebene Alkoholvorrat geleert wird, das kann ich nicht sagen: Wir halten uns heute von jedem Besäufnis fern und gehen nach dem Abendessen zurück zu unseren Hängematten.

Abschied von der Pazifikküste

Der neue Tag ist unser letzter Tag an der Pazifikküste und zum Abschied hat sich das Wetter eine Überraschung ausgedacht: Es regnet. Und wie. Der Chocó ist angeblich die feuchteste Region der Welt, und um uns das zu beweisen, muss es eben nun zum Abschied genauso heftig regnen wie vor ein paar Tagen bei der Ankunft in El Valle.

Vorher schaffen wir es aber noch, einen Spaziergang zum anderen Ende des Strands zu unternehmen. Wir folgen dort ein paar Leuten, die auf der Höhe einer Felsküste in den Dschungel verschwinden. Hier gibt es also einen Weg hinein, wohin er auch immer führen mag. Wir möchten heute Nachmittag zurückkehren und den Weg ausprobieren, mit besserem Schuhwerk als den Flipflops, die wir jetzt anhaben. Aber leider wird aus dem Vorhaben nichts, wetterbedingt. Schließlich wollten wir durch den Dschungel wandern und nicht durch den Dschungel schwimmen.

Der Tuk-Tuk-Fahrer, der uns morgen zum Flughafen bringen wird, hat sich unser Handy-Ladegerät ausgeliehen. Das bräuchten wir jetzt aber wieder. Leider haben wir seine Telefonnummer nicht und seinen Namen haben wir vergessen. Wir wissen nur, dass er am linken Fuß sechs Zehen hat. Ob diese Information ausreicht, um ihn in dem doch recht großen Dorf aufzuspüren? Letztendlich ist es noch viel einfacher und wir werden sogar zu seinem Haus begleitet. In diesem Dorf scheint es wirklich auszureichen, mit einer Handvoll Leuten ein paar Bier zu trinken, und danach kennt man über eine Ecke eigentlich jeden.

In der Nacht regnet es wieder heftig. Das Blechdach unserer Unterkunft sorgt dafür, dass der Regen einen derart atemberaubenden Lärm verursacht, dass wir dabei unmöglich schlafen können.

Wie durch ein Wunder hört der Regen am Morgen kurzzeitig auf, und zwar genau für die Zeit, die wir brauchen, um zum Besitzer unserer Unterkunft hinüber zu gehen. Während wir dort unseren Kaffee trinken, hört es erneut zu Regnen auf. Das nutzen wir, um uns zu verabschieden und ins Dorf zur Bäckerei zu gehen. Kaum sind wir dort angekommen, fängt der Regen wieder an. Perfektes Timing.

Déjà-vu: Wir sitzen stundenlang in dieser Bäckerei, während es draußen vor uns wie aus Kübeln schüttet.

Unsere Weiterreise beginnt damit, dass unser Tuk-Tuk-Fahrer beim Ausparken auf das Tuk-Tuk eines anderen fährt, der gerade einparkt. Im gesamten Dorf sind derzeit nur diese beiden Fahrzeuge unterwegs, keine schlechte Leistung also, bei diesem Verkehrsaufkommen einen Unfall zu bauen.
Dann kann es endlich losgehen. Es dauert aber noch etwas, bis wir das Dorf Richtung Flughafen verlassen, da unser Fahrer zunächst einen Reifen aufpumpen muss und danach einen kleinen Umweg fährt, um noch schnell etwas zu erledigen. Wir glauben sowieso nicht, dass unser Flug heute geht, denn bei Regen können hier keine Flugzeuge starten und landen, also machen wir uns auch nur begrenzt Sorgen, dass wir es nicht mehr rechtzeitig zum Flughafen schaffen.

Den letzten Streckenabschnitt setze ich mich ans Steuer des Tuk-Tuk, ich muss das unbedingt auch mal ausprobieren. Gar nicht so einfach, auf der matschigen Schotterpiste an den überdimensionalen Pfützen so vorbei zu navigieren, dass wir keine Gefahr laufen, in einem dieser Seen unterzugehen.

Wir kommen nicht nur rechtzeitig am Flughafen an, sondern es hat sogar mittlerweile zu regnen aufgehört und unser Flugzeug scheint somit starten zu können.

Der Flug ist extrem unruhig, um es mal so auszudrücken. Wir fliegen durch schlechtes Wetter, sagt der Pilot über Lautsprecher durch.

Auf Wiedersehen, kolumbianische Pazifikküste!

Land:Kolumbien
Ort:El Valle
Reisedatum:09.03.2018 - 13.03.2018
Autor:Manuel Sterk
Veröffentlicht:01.07.2018
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