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Bolivien
Copacabana

Die Geburt der Sonne

Lesedauer: ca. 11 Minuten

Am Titicaca-See, auf knapp viertausend Metern Höhe gelegen, wurde die Sonne geboren. Alle Besucher schwärmen von dem unglaublich intensiven Sonnenlicht und der faszinierenden Inselwelt inmitten des leuchtend blauen Wassers. Nur wir nicht.

Titicaca und Copacabana

Der Titicaca-See ist der größte See Südamerikas, mehr als fünfzehn mal so groß wie der Bodensee ist er. Und er trägt einen recht eigenwilligen Namen, finde ich.

Unser Ziel dort ist der Wallfahrtsort Copacabana.
Wer diesen Namen hört, denkt vermutlich eher an Bikinis und Meer und Sandstrand als an einen Wallfahrtsort an einem Gebirgssee. Dabei heißt der Stadtteil Rio de Janeiros mit seinem berühmten Strand nur deswegen so, weil dort eine Kapelle mit einer Replik der Jungfrau von Copacabana, also der vom Titicaca-See, errichtet wurde. Und irgendwann wurde dann dieser Stadtteil danach benannt.

Wir fahren also sozusagen in das Original. Allerdings haben wir nicht mit so vielen Hindernissen auf dem Weg dorthin gerechnet.

Wintereinbruch im Sommer

Wir sind am Busterminal von El Alto angekommen und wollen dort ein Ticket nach Copacabana kaufen. Es gibt jedoch ein Problem: Heute fahren keine Busse. Alle Ticketschalter sind geschlossen. Vermutlich, weil Neujahr ist und somit kein auch nur einigermaßen nüchterner Busfahrer aufgetrieben werden kann.

Wir stoßen zu einer immer größer werdenden Gruppe Einheimischer, die ebenfalls nach Copacabana wollen. Irgendwann gelingt es, den Fahrer eines Minibusses davon zu überzeugen, dorthin zu fahren.

Unterwegs gibt es dann plötzlich einen Wintereinbruch: Hagel und Schneematsch kommen vom Himmel. Das scheint hier nicht allzu häufig vorzukommen, zumindest halten viele Autofahrer an und machen erstmal ein Foto.
Und dann geht es im Schritttempo weiter. Schließlich wird hier keines der Autos mit Winterreifen ausgestattet sein. Eher mit Sommerreifen, die schon seit mehreren Jahren kein Profil mehr haben.

Nadine ist verschwunden

Wir haben den Titicaca-See erreicht. Nun müssen wir mit einer Fähre ein kurzes Stück überbrücken, und vor der Fähre gibt es eine längere Schlange. Das nutzt Nadine, um die Toiletten aufzusuchen. So weit, so gut.
Das Problem ist nur, dass Nadine noch nicht zurück ist, als sich unser Minibus bereits auf der Fähre befindet. Ich schnappe mir unsere Rucksäcke und springe von der Fähre.

Ich frage mich zu den Toiletten durch und rufe dort Nadine, aber niemand reagiert.
Unter strömenden Regen suche ich den ganzen Hafen ab, aber ich sehe Nadine nirgends. Was eigentlich kaum möglich ist, denn wenn sie hier irgendwo ist, müsste ich sie problemlos auch aus größerer Entfernung erkennen, denn alle anderen Menschen hier sind deutlich kleiner als sie.

Nadine einfach anzurufen, das ist nicht möglich, schließlich ist ihr Handy kaputt. Und außerdem befindet es sich in dem Rucksack, den ich in der Hand halte. Was nun?

Vielleicht ist sie bereits mit dem Personenboot mitgefahren? Das wäre durchaus plausibel, denn diese schwimmenden Holzbretter, mit denen die Fahrzeuge auf die andere Seite gebracht werden, sind nicht für Personen gedacht, und vielleicht hat man ihr gesagt, dass sie mit dem Personenboot mitfahren soll.

Also nehme ich das nächste Boot und hoffe, sie auf der anderen Seite zu finden. Aber auch dort ist sie nicht. Nicht an der Bushaltestelle, nirgends.

Ich gehe zurück zur Bootsanlegestelle. Soll ich wieder auf die andere Seite fahren, um sie dort zu suchen? Das Problem ist aber, dass die Bootsfahrt eine knappe Viertelstunde dauert und zahlreiche Boote hin und her pendeln, wir könnten also durchaus den ganzen Tag damit verbringen, aneinander vorbei zu fahren. Immerhin wäre dieser Spaß finanziell verkraftbar, da die Bootsfahrt umgerechnet nur fünfundzwanzig Cent kostet.
Trotzdem bleibe ich besser erstmal hier und warte.

Ich will gerade wieder hoch zur Bushaltestelle gehen, da höre ich meinen Namen.
Nadine ist auf einem Boot! Fährt das Boot gerade ab, wieder zurück? Nein, es ist dabei, anzulegen.

Wir sind also wieder zusammen.

Jetzt fehlt nur noch unser Bus. Wir suchen ihn überall, aber finden ihn nicht. Nun scheint also der Bus verschwunden zu sein.

Wir ergattern einen Platz in einem anderen, völlig überfüllten Minibus, dessen Fahrer die kurvige Passstraße mit einer Autobahn zu verwechseln scheint. Aber erstaunlicherweise kommen wir am Ende unfallfrei in Copacabana an.

Keine Luft

Vermutlich war es keine allzu gute Idee, vom Amazonas direkt hierher zu kommen, von zweihundert auf knapp viertausend Höhenmeter.
Die Unterkunftssuche wird zur Qual. Nach jedem Meter bergauf bekomme ich keine Luft mehr. Mir wird schwindelig.
Wir brechen die Aktion ab und setzen uns erstmal in ein Restaurant und essen etwas.

In Copacabana gibt es unendlich viele Unterkünfte. Aber eine ist schrecklicher als die andere. Die einzige ansprechende Unterkunft, die wir gefunden haben, liegt direkt neben einer Baustelle, und das wollten wir dann auch nicht.

Während des Essens entscheiden wir aber: wir nehmen doch die Baustellen-Unterkunft, damit wir nicht weiter suchen müssen. Nadine will kurz dorthin gehen, das Zimmer reservieren, bevor es vergeben ist.

Aber dann kommt sie nicht mehr zurück. Nadine ist schon wieder verschwunden! Das darf doch wohl nicht wahr sein.

Nach einer Ewigkeit taucht sie wieder auf. Sie hat sich tatsächlich verlaufen und dann nicht mehr zurück gefunden.

Heißkalt

Hier am Titicaca-See gibt es nur zwei verschiedene Temperaturzustände: Sobald die Sonne scheint, ist es heiß. T-Shirt, kurze Hose und Flipflops wären nun genau die richtige Kleidung. Und sobald die Sonne weg ist, ist es eiskalt. Dicke Jacke, darunter ein warmer Pulli und gefütterte Schuhe wären dann passend. Und diese beiden Temperaturzustände wechseln von einer Sekunde auf die nächste.

Und somit sieht man andauernd Leute, wie sie eine Kleidungsschicht an- oder ausziehen. Allerdings haben dieses Problem nur wir Touristen. Die Einheimischen tragen den ganzen Tag über dieselbe Kleidung, bei gefühlen Null Grad genauso wie bei gefühlen vierzig Grad.

Am beeindruckendsten ist die Kleidung der Frauen. Man könnte denken, dass es solche Röcke und Ponchos und diese Melonen-Hüte nur in einem Folklore-Museum oder während einer traditionellen Tanzvorführung oder ähnlichem zu betrachten gibt, aber damit irrt man, denn diese Tracht ist hier die übliche Kleidung.

Sightseeing

Am nächsten Tag starten wir eine kleine Sightseeing-Tour. Als erstes gehen wir zum Strand. Laut Reiseführer ist das der einzige Strand Boliviens. Und somit ist es ein wenig, nun ja, traurig, was man da sieht. Vorallem, wenn man ein gewisses Bild vor Augen hat, sobald man sich einen Strand mit dem Namen Copacabana vorstellt.
Gestern, am Feiertag, war der Strand gerammelt voll, gefühlte Millionen an Familien waren hier am Picknicken. Heute ist kaum jemand hier.

Und dann gehen wir zur Kathedrale mit ihrer wundertätigen Jungfrau.
Mehrere Stunden verbringen wir damit, das Spektakel zu betrachten, das sich vor dieser Kathedrale abspielt: Die Bendición de Movilidades, die Segnung der Fahrzeuge.
Das alles hier ist so skurril, dass es eine eigene Geschichte wert ist.

Am Nachmittag unternehmen wir eine hochalpine Bergwanderung. Zumindest kommt es uns so vor. In Wirklichkeit ist der Cerro Calvario vermutlich nur zweihundert Meter hoch, aber wir brauchen eine Ewigkeit dazu. Alle paar Schritte müssen wir anhalten, verschnaufen.

Wir haben nicht damit gerechnet, aber wir kommen oben an. Und können kaum glauben, was uns hier neben dem fantastischen Ausblick und ein paar Kreuzen und Jungfrauen-Statuen geboten wird.

Die Wünschdirwas-Verkaufsstände

Unzählige Verkäuferinnen haben sich hier oben positioniert, bei denen man für seine großen Vorhaben oder Wünsche die korrespondierenden Miniaturen kaufen kann.

Wer sich ein Auto wünscht, kauft sich ein passendes Modellauto, wer ein Hotel betreibt und sich dafür Unterstützung erhofft, kauft sich ein etwa dreißig Zentimeter großes Miniatur-Hotel, und wer sein Geld mit einer Grillhähnchen-Bude verdient, kauft sich eine Art Puppenladen mit der Aufschrift „Pollo Broaster“.

Wenn Nadine davon träumen würde, eine eigene Arztpraxis zu eröffnen, könnte sie auch das hier kaufen. Oder einen Stapel Geld für das Startkapital.

Die Jungfrau von Copacabana sorgt dann für den erhofften Schutz und die erforderliche Unterstützung.

Die Geburt der Sonne

Hier am Titicaca-See wurde die Sonne geboren. Genauer gesagt auf der Isla del Sol, der Sonneninsel.
So lautet zumindest die Legende.

Unser Reiseführer behauptet, dass der Besuch der Isla del Sol das Highlight jeder Reise zum Titicaca-See ist, vielleicht sogar jeder Bolivien-Reise. Man soll sich am besten mehre Tage Zeit nehmen, diese autofreie Insel auf den zahlreichen Wanderwegen zu erkunden, die Ruinen aus der Inka-Zeit zu bestaunen und die faszinierenden Perspektiven auf den blauen Titicaca-See zu genießen. Und bei dem unglaublich intensiven Sonnenlicht wird man spüren, warum hier die Sonne geboren worden sein soll.

Das möchten wir uns selbstverständlich nicht entgehen lassen und wollen uns am nächsten Morgen auf den Weg zur Isla del Sol machen. Es gibt dabei nur zwei Probleme.

Das erste Problem ist, dass die im Reiseführer beschriebene Erwanderung der Insel gar nicht mehr möglich ist. Die Insel ist aufgeteilt in drei Gemeinden, und diese haben sich vor einiger Zeit zerstritten. Worum es dabei geht, habe ich nicht so recht verstanden, jedenfalls blockieren nun die nördlichen und mittleren Teile den Zugang zu ihren Gebieten, lediglich der Süden kann noch besucht werden. Die meisten interessanten Stätte liegen aber weiter nördlich. Und die im Reiseführer beschriebenen Wanderungen sind ebenso nicht möglich, weil auf halber Strecke dort positionierte Bewohner dafür sorgen, dass man nicht in das gesperrte Gebiet weitergeht.

Das zweite Problem ist, dass es regnet. Und wie. Von wegen blauer Titicaca-See und von wegen intensive Sonne. Außer Grau gibt es hier nichts.

Wir entscheiden, erst einen Tag später zur Isla del Sol zu fahren.

Aber auch am nächsten Tag regnet es. Und es ist genauso grau. Da wir nicht ewig hier in Copacabana warten wollen, werden wir wohl irgendwann später in unserem Leben nochmal hierher kommen müssen. Jetzt jedenfalls werden wir Copacabana verlassen und machen uns auf den Weg nach Peru. Zunächst ins ebenfalls am Titicaca-See gelegene peruanische Puno, von dort wollen wir weiterreisen nach Cusco und Machu Picchu.

Kein Visum

Allerdings verpassen wir den Bus nach Puno um genau fünf Minuten. Wir nehmen ein Taxi zur Grenze, in der Hoffnung, dort den Bus abpassen zu können.

An der Grenze stelle ich dann mit Erschrecken fest, dass mir irgendwann der Papierfetzen mit dem bolivianischen Visum aus meinem Pass gefallen sein muss. Zumindest fehlt er. Der Grenzbeamte teilt mir mit, dieses Papier wäre aber „äußerst wichtig, Amigo“.
Gegen Zahlung einer Gebühr, deren Höhe Verhandlungssache ist, bekomme ich ein neues, zurückdatiertes Visum und darf nun Bolivien verlassen.

Land:Bolivien
Ort:Copacabana
Reisedatum:01.01.2019 - 04.01.2019
Autor:Manuel Sterk
Veröffentlicht:05.01.2019
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Ingrid Bettels
Abenteuer pur. Weiter so .
Cory
Ich bewundere Euren Mut und Eure Abenteuerlust, möchte aber nicht mit Euch tauschen!
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