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Kolumbien
Bahía Solano

Was wollen wir hier eigentlich?

Lesedauer: ca. 10 Minuten

Die einzige Straße zur Pazifikküste Kolumbiens führt in die Hafenstadt Buenaventura. Von dort kommt man dann mit Booten weiter. So sind wir bei unserer letzten Reise in dieser Region auf einem überladenen Frachtschiff von Buenaventura die Küste entlang nach Nuquí gefahren.

Nun ist es allerdings so, dass mittlerweile vor einer Reise nach Buenaventura gewarnt wird: Die Stadt ist Schauplatz eines Kriegs zwischen mehreren Drogenbanden, und auch wenn zur Zeit Friedensgespräche geführt werden, wird aus nachvollziehen Gründen nicht empfohlen, sich dort sozusagen in die Schusslinie zu begeben.
Wir werden uns vor Ort nochmals nach der aktuellen Situation erkundigen, aber erstmal wollen wir besser nicht dorthin.

Also gibt es nur noch eine Möglichkeit, an die Pazifikküste zu gelangen: Mit dem Flugzeug.

Der abgerissene Flughafen

Und so steigen wir in Medellín in eine kleine Propellermaschine. Bereits kurz darauf landen wir auch schon am Flughafen von Bahia Solano, einem Flughafen ohne Flughafengebäude: Das alte Gebäude wurde abgerissen und ein neues ist noch nicht fertiggestellt. Ein Wellblech-Unterstand dient derzeit als Empfangshalle, das Gepäck wird einem direkt vom Transportwagen überreicht.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befinden sich die Check-in-Schalter und der Wartebereich mit Restaurant.

Dort werden auch die üblichen Flughafen-Durchsagen gemacht, es ist also an alles gedacht.

Was den Flughafen von Bahía Solano wirklich einmalig macht, ist, dass man zwischen Check-in und Boarding noch schnell einen kleinen Spaziergang zu einem Wasserfall machen kann, der keine zehn Gehminuten entfernt ist.

Ich bin mir sicher: Eine solche Wartemöglichkeit werde ich mir sehnlichst herbeiwünschen, wenn ich das nächste Mal an irgendeinem dieser typischen, weltweit identischen, sterilen Flughäfen wieder einmal endlose Zeit bis zum Flug totschlagen muss.

Aber im Moment wollen wir nicht wegfliegen, sondern erstmal ankommen. Also lassen wir uns von einem Tuk-Tuk ins Zentrum von Bahía Solano bringen.

Bahía Solano

Der Ort wird hier nur Bahía genannt. Aber laut Wikipedia ist das genau so falsch wie Bahía Solano, denn so heißt eigentlich die Gesamtgemeinde, die aus mehreren Orten besteht. Korrekt wäre demnach Ciudad Mutis, das habe ich aber kein einziges Mal hier gehört. Ciudad (also Stadt) klingt auch ein wenig übertrieben, finde ich.

Das Zentrum ist die Straßenkreuzung zwischen Billardsalon und Bar, und damit sind die Highlights des Orts vermutlich bereits erwähnt.

Zwischen Juli und Oktober, wenn sich hier nahe der Küste unzählige Wale aufhalten, kommen viele Touristen hierher, außerhalb dieser Saison verirrt sich aber kaum jemand nach Bahía Solano. Und entsprechend heruntergefahren wirkt hier alles.

Sogar das Meer hat sich zurückgezogen.
Ebbe.

Aus der menschenleeren Bar dahinter am Ufer dröhnt in voller Lautstärke kolumbianische Herzschmerz-Musik. Eine wirklich ganz spezielle Atmosphäre.

Der ein oder andere Leser mag sich vielleicht fragen, was wir hier eigentlich wollen. Nun ja, genaugenommen wissen wir das auch noch nicht.

Aktivitäten

Man kann hier ein paar hundert Meter steil einen Berg hinauf gehen, kommt dabei an zwei Jungfrau-Maria-Aussichtspunkten vorbei, und dann geht es dort weiter in den Dschungel hinein.

Oder man kann zu einem großen Wasserfall gehen und in dem Becken darunter schwimmen.

Oder man geht einfach die Straße weiter bis zur Bootsanlegestelle.

Folgt man dieser Straße, kommt man zu einer Bar mit lautstarker Musik, an der unzählige Männer ihr Mittagsbier trinken oder eine interessante Mischung aus einem Hydrationsgetränk und Rum.

Kurz nach dieser Bar kommt eine Brücke mit einem beeindruckenden Wasserfall auf der linken Seite, danach wandelt sich die Straße in einen schmalen Weg, der durch dichtes Grün hindurch führt.

Auf der einen Seite sieht man das Meer, auf der anderen Seite befindet sich ein Wasserfall nach dem nächsten.

Zum Spazierengehen eignet sich Bahía Solano also schon mal perfekt.

Der botanische Garten

In der Nähe gibt es einen botanischen Garten, lesen wir, und bei Ebbe soll man zu Fuß den Strand entlang dorthin gehen können. Es ist gerade Ebbe, also gehen wir los.

Zunächst überqueren wir eine Brücke und landen in einem Wohngebiet, das mitten in die Mangroven gebaut wurde. Momentan fehlt hier allerdings das Wasser.

Ein Steg führt durch diese Mangroven-Siedlung, und den gehen wir bis zum Ende, um dann von dort einen Weg Richtung Meer zu suchen.

Wir kommen an mehreren Stränden vorbei, alle menschenleer.

Da wir nicht sicher sind, wo dieser botanische Garten eigentlich ist, sind wir froh, dass uns zwei oder drei Strände weiter ein Mann entgegen kommt. Allerdings weicht er uns in großem Bogen aus.
Trotzdem sprechen wir ihn an.
Das Problem ist: Er stottert.
Nach einiger Zeit gelingt es uns, die Information zu extrahieren, dass wir auf dem richtigen Weg sind und dass es in der letzten Bucht einen Weg gibt, der über einen Hügel auf die andere Seite führt, und von dort geht es weiter zum botanischen Garten. Muchas gracias!

Es wird immer heißer und es gibt immer weniger Schatten.

Immer, wenn wir irgendwo Menschen sehen, fragen wir nach dem Weg zum botanischen Garten, und die Antwort ist über einen längeren Zeitraum hinweg immer dieselbe: Noch eine Viertelstunde geradeaus.
Danke.

Und dann, nach insgesamt knapp drei Stunden, kommen wir an.

Aber leider ist heute im Dorf am Fluss eine wichtige Versammlung der lokalen Gemeinschaft, erklärt man uns, und alle Männer sind dort, weswegen es heute keinen Führer für den botanischen Garten gibt und auch keinen Bootsfahrer, der uns wieder zurückbringen könnte.

Aber wir hätten noch ausreichend Zeit, es vor der Flut zu Fuß zu schaffen, beruhigt man uns. Aber danach hätten wir keine Chance mehr, zurückzukommen.

Die Vorstellung, dass wir an einer der menschenleeren Buchten durch die steigende Flut von der restlichen Welt abgeschnitten werden, erhöht unsere Gehgeschwindigkeit enorm.

Und somit schaffen wir es rechtzeitig wieder zurück nach Bahía Solano und sind glücklich, wieder an diesem seltsamen Ort zu sein.

Land:Kolumbien
Ort:Bahía Solano
Reisedatum:26.02.2024 - 29.02.2024
Autor:Manuel Sterk
Veröffentlicht:23.03.2024
Leser bisher:38

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Nicht so toll
Isabella
Was für eine außergewöhnliche Reise!
Regine
Und heute Abend Kulturschock Stuttgart … 🙈
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